Ich wundere mich, dass mich niemand gewarnt hat. Die gute Ehefrau hatte von ihm die Nase voll nach 30 Jahren?
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Ich kam in Koblenz am Rhein an. Die Strecke von Mainz am Rhein entlang war wunderschön. Die Berge, der Fluss, die mittelalterlichen Burgen. Traumhaft.
Ein älterer Herr holte mich am Bahnhof ab. Er staunte über meine große Reisetasche. November. Grauer Himmel, wie so oft in dieser Stadt. Etwas düster, deprimierend. Wir fuhren zu meiner Gastfamilie, die mich für 4 Wochen meines Stipendiums aufgenommen hat. Beide sehr nett. Beide Lehrer. Sie noch im Dienst. Er gerade vor kurzem frühpensioniert.
Später erfuhr ich – warum: „Ich könnte, wenn ich wollte…“ rief er bei einer Geburtstagsfeier den Gästen zum Toast zu! Prost! Aber anscheinend wollte er nicht.
Offiziell hieß es: Depressionen und irgendwelche anderen Probleme. Ich erfuhr später, er war einfach mit dem Stress überfordert, den man an der Förderschule so hat oder halt bequem. Kann ich auch verstehen, dennoch… Andere schaffen es auch. Mit Anfang 50 ist man noch nicht so alt. Zumindest noch nicht so alt, um das Leben, nicht zu genießen, hat er sich wohl gedacht. Nach vielen angenehmen Arbeitsjahren als Logopäde mit Einzelschülern, wurde er zwangsweise an eine Förderschule versetzt und nicht bereit, sich in dem erlernten Beruf abzuquälen. Mit den Kindern jahrelang „Susi isst süße Suppe“ zu wiederholen, war für das dicke Gehalt noch ganz nett. Aber jetzt an der Förderschule!!! Nein! Bevor die etwas unruhigen Kinder ihn fertig machen, machte er sich aus dem Staub… in die Frühpension. Das hat er mir später so dargestellt. Sein bester Freund übrigens auch. Aber er war wohl wirklich krank (Herzprobleme).
Die Gastfamilie war sehr nett. Sie wohnten in einem Haus auf einem Hügel. Ich fühlte mich sehr nichtig. Sie nahmen mich sehr herzlich auf. Ich bekam ein Zimmer und nachher auch ein gebrauchtes T-Shirt und eine neue Jacke geschenkt. Die Jacke war toll. Das T-Shirt konnte ich auch noch gebrauchen. Ich freute mich damals über jede Kleinigkeit, für uns Polen war alles sehr teuer. Die Familie B. war großzügig und herzlich. Schnell fühlte ich mich wie zu Hause oder bei Verwandten. Ich liebte die beiden, und das Leben, das sie führten war so beeindruckend luxuriös im Vergleich zu allem, was ich kannte.
Keiner in Polen lebte so wie in Deutschland (West). Wir waren alle so arm! Nun ging die Gertrud jeden Tag arbeiten und ich saß jeden Morgen am Frühstückstisch allein mit ihm. Er war sehr nett, höflich und witzig. Wir erzählten, aßen zusammen Brötchen und tranken Kaffee. Danach hat er mir noch die Stadt gezeigt oder fuhr mich in die Stadt, die ich allein besichtigte. Solche Geschäfte und so viel Reichtum habe ich in Polen nie gesehen. Ich wollte mir eines Tages auch solche Sachen kaufen. Wow!!! Ich war 23 und so hungrig nach neuen Sachen, nach einem besseren Leben. Bis jetzt reichte eine Jeans für ein ganzes Jahr, und zwei Paar Schuhe zum Wechseln für jede Saison. Hier hatten die Menschen alles im Überfluss. Gerd hatte Zeit und langweilte sich auch allein zu Hause. Ich bot eine jugendlich frische Abwechslung. Wir verstanden uns alle drei gut. Ich hätte ihre Tochter sein können. Sie war in meinem Alter. „Hubert hat gut ausgesucht“, sagte sie mal über mich in meiner Anwesenheit. Aha, hat man aus Polen was anderes erwartet? Wie nett, dass ich hier gefalle! Abends war die Gertrud meistens früher müde als wir beide. Sie musste früh aufstehen, um pünktlich um acht Uhr mit der Arbeit in einer Grundschule zu beginnen.
Ich und Gerd saßen dann noch zu zweit vor dem Fernseher. Wir unterhielten uns, ich stellte Fragen, lernte Deutsch, reichte die Fernbedienung vom Tisch zum Sessel. „Was heißt nochmal: „die Weichen werden gestellt?“, fragte ich und bekam eine Antwort. Es war sehr schön. Wir verstanden uns super und fühlten uns wie zwei, die zusammen gehören. Es war gemütlich, wie es bei mir zu Hause nie war. Heute denke ich manchmal, seine Frau wollte wohl, dass er sich verliebt. Sie wollte ihn aus dem gemeinsamen Haus (gekauft von ihren Eltern) loswerden. Sie konnte/wollte doch von dort nicht ausziehen. Das war doch ihr Zuhause. Leider langweilten sich die beiden nur noch zu zweit nach 30 gemeinsamen Ehejahren.
Gerd und Gertrud zeigten mir vieles, was für mich neu war. Eine alte Burg, das Deutsche Eck, die Weinberge am Rhein und an der Mosel, den Loreleyfelsen. Die Gegend am Rhein ist wunderschön, zauberhaft. Ich habe mir die Ritter vorgestellt, die hier früher auf Pferden zu ihren Burgen geritten sind. Die Menschen, die hier seit etwa 2000 Jahren den Wein anbauten. Ich schaute mir die Gegend an, die auch Heinrich Heine mal mit den eigenen Augen sah, über die er schrieb. Es war irgendwie märchenhaft. Irgendwann im August der Rhein in Flammen. Ein schönes Lichtschauspiel, romantisch, fröhlich, friedlich. Alles war so schön, dennoch fühlte ich mich hier fremd, weit weg von der Heimat. Ich passte nicht hierher und dieses Gefühl wurde ich auch 20 Jahre später nicht los.
Wir gingen in ein Restaurant, besuchten ihre Freunde, deren Reichtum mir die Stimme verschlug. Ich habe noch nie so wohlhabende Leute als Bekannte besucht, mit denen gesprochen und an einem Tisch wie Ihresgleichen gesessen. Es war für eine 23-jährige Studentin aus dem verarmten Polen sehr beeindruckend. Lehrer und Richter aus dem Westen mit mir – einem niemand und nichts aus Polen, zusammen, wie ebenbürtig.
Einige waren 2 Jahre zuvor in Polen und wussten wie ärmlich und erbärmlich das Leben dort war. Aber billig! Davon waren sie ziemlich begeistert. Für die Polen war das Leben dort sehr teuer. Sie konnten wohl nicht begreifen, in was für verschiedenen Welten wir finanziell und moralisch lebten. West- und Ostblock. Leider konnte ich noch nicht immer mitreden, denn meine Deutschkenntnisse waren noch nicht so wie heute. Außerdem hatte ich Angst, mit Fehlern zu sprechen, und mich dabei lächerlich zu machen. Fehler war ich beim Sprechen nicht gewohnt. Ich beobachtete, übte das Hörverstehen und redete nicht so viel wie auf Polnisch. In meiner Muttersprache konnte kaum jemand so flink und gewitzt antworten wie ich, aber hier war ich halbstumm.
Eines Abends oder eines Morgens stand Gerd auf einmal mir sehr nah. Näher als man das mit einer Bekannten tut. Ich merkte, dass er mich berührte und andeutete, dass er mehr als nur ein Bekannter sein will. Ich war verwirrt und es hat mir imponiert. Ich gefalle ihm, dachte ich. Diesem „Übermenschen“ aus Westdeutschland. Ich eine arme, polnische Studentin, die sich nur die billigste Schokolade vom Aldi leistete, bekam von ihm die Lindt –Schokolade zu probieren und später in Mainz sogar einen Walkman. Wow. Das war alles überwältigend. Aber er war auch so viel älter und äußerlich eigentlich nicht mein Typ. Wir waren doch beide verheiratet! Ich fühlte, zwischen mir und ihm entstand mehr als eine Freundschaft. Ich liebte seine Frau auch. Sie waren beide wie Ersatzeltern. Der Gerd wurde aber auch etwas mehr als Mann. Es passierte in den vier Wochen nichts außer Freundschaft.
Aber am letzten Tag vor meiner Abreise, rief ich ihn aus der Stadt an und fragte, ob er mich abholen und vielleicht noch ein Eis zusammen essen möchte. Das wollte er sofort. So aßen wir ein Eis beim Italiener, beide schon etwas verliebt, wenn auch immer noch recht platonisch und keiner wusste es selbst noch so genau…, wohin der Hase laufen wird. Bei einer anderen Gastfamilie wurde eine Germanistikstudentin aus Thorn untergebracht. Kurt und Siglinde nahmen sich ihrer Studentin wie Ersatzeltern an. Kurt und Gerd boten uns auch mal einen Ausflug nach Luxemburg. Die beiden Herren hatten dort etwas in einer Bank zu erledigen, und wir durften uns die Stadt und die Gegend unterwegs anschauen. Kurt versicherte, dass wir beide keine Angst zu haben brauchen, obwohl wir ohne ein Visum dorthin reisten. Wir beide hatten echt keine Angst, wohl eher die Herren, die sowieso schon etwas aufgeregt, auch noch zwei Polinnen ohne Einreisevisum nach Luxemburg einfuhren. Einen Grenzübergang gab es jedoch nicht, und so schaute keiner in unsere Pässe rein. Auch in Luxemburg wollte Gerd nicht direkt vor der Bank parken, denn angeblich werden Leute ab und zu kontrolliert. Ich hatte keine Ahnung, warum die das so stressig fanden, in Luxemburg mal Geld abzuheben oder so was..? Ich hatte keine Ahnung, warum man daraus so ein Geheimnis machen sollte?
Nun fuhr ich aus Koblenz weg. Ich studierte und arbeitete in einer Kneipe, manchmal auch in einem Hotel als Zimmermädchen, in Mainz. Nur 100 km entfernt. Ich habe die Familie B. vermisst. Allein und einsam im Studentenwohnheim. Gerd rief an, und fragte, ob ich Lust hätte, am Wochenende wieder nach K. zu kommen. Er würde die Fahrkarten bezahlen. Gertrud lädt mich auch ein. Sie würden sich freuen. Warum nicht? Ich mag sie doch auch. Ich war froh über die Einladung. Es war sehr schwer in Mainz allein zu hocken und ich interessierte mich für keine Jungs im Studentenwohnheim, weil ich doch verheiratet war. Auch nicht für meinen Chef aus der Kneipe, der mich mal zum Essen einlud (wo ein Bekannter feststellen musste, Karl würde nicht so viel Geld einfach so in mich investieren), und sonst für niemanden, der in der Kneipe „Ciao Bella“ nach mir rief… Meine einzige „Freundin“ hatte selbst einen oder mehrere Freunde und war immer wieder beleidigt, weil ich anders als sie kochen würde oder eine andere Meinung hatte… Die Gurke schneidet man anders… Und schon sprach sie nicht mit mir eine Woche lang… Ich war einsam, weit weg von der Familie und Witek – mein „Mann“ hatte keine Lust mich mal zu besuchen. Jetzt weiß ich auch warum. Er hat für das Geld, was ich verdiente, Party ohne mich gemacht. Außerdem hätte er niemals den richtigen Bus oder den richtigen Zug ohne mich gefunden.
Ich fuhr nach K. Gertrud und Gerd waren wieder sehr nett. Wir unternahmen etwas zusammen, gingen was essen oder ins Cafe H. ein Konzert hören. Mit mir hatten sie mehr Spaß und ich bei denen und mit Ihnen auch. Und ich probierte etwas „Luxusleben“ bei ihnen aus… Es war für sie eher ein durchschnittlich normales Leben. Es waren keine Millionäre.
Irgendwann rief der Gerd an, dass er allein nach Mainz kommen möchte, um mich zu besuchen. Ich habe mich gefreut. Ich habe auf einen Anruf von ihm gewartet. Die schöne Stimme rief an, sagte jemand, der sich auch mit mir treffen wollte. Gerd hatte eine Stimme, in die ich verliebt war. Er kam mit einem alten Freund. Einem anderen berühmten „Fremdgänger“, der eine viel jüngere Freundin hatte. Die hat er gleich als Schülerin verführt, an der Förderschule, wo er Lehrer war. Gerd muss ihn wohl beneidet haben. Jetzt stand es aber 1:1 für beide. Wir gingen Pizza essen. Zu dem Italiener, gleich neben der Kneipe, wo ich gekellnert habe. Es war wieder ein Ereignis. Ich wurde wieder eingeladen, wie eine Prinzessin, von den zwei frühpensionierten Lehrern, die meinen Anblick offensichtlich genossen haben. Ich genoss deren Begeisterung für meine Person trotz einiger grammatischen Fehler in Deutsch sowie die Pizza im Restaurant – umsonst. Nun waren wir dann schon zwei oder drei, die ein Geheimnis teilten. Gertrud sollte natürlich nicht erfahren, dass Gerd sich verliebt hat und jetzt alleine Ausflüge nach Mainz macht, um mich zu sehen, und mehr.
Ich habe gelernt, ich habe als Kellnerin in einem Pub gearbeitet. In der „Zeitungsente“, einem Lokal voller Stammgäste. Es war anstrengend aber auch schön. Britta hat mich gerne fertig gemacht, Heidi hat mich verwöhnt. Brittas junger Ehemann hat mir eine Woche nach deren Trauung beim Bier erzählt, er würde mich lieber heiraten. Seine Frau war aber schwanger. Ich war etwas stutzig. Ich habe bei denen in der Wohnung ab und zu geputzt, um noch etwas Geld dazu zu verdienen. Einmal aß ich mit ihm Pizza zusammen, die er bestellt hat. Heidi hat den Karl geheiratet, sie war eine tolle Frau. Sie sah wie eine Göttin aus und war der Schwarm alle Gäste. Er war ca. 20 Jahre älter als sie. Beide haben mir sehr viel geholfen, weil ich in den Ferien später bei ihnen wohnen und in Karl’s Kneipe arbeiten konnte. Karl holte mich auch am Flughafen ab, als ich nach Frankfurt mit dem Flieger kam. Für die Polen hat das Ticket damals etwa 50,- DM gekostet. Der Durchschnittslohn (monatlich) in Polen war aber auch so hoch. Die Westler mussten viel mehr für das Ticket bezahlen.
Die meisten der Polen, die ins Ausland zur Arbeit fuhren, reisten nach England oder in die USA. Deutschland ist kein Land, in das man aus Polen allzu gerne fährt, falls man die Wahl hat, den Lebensunterhalt zu verdienen, oder als Tourist Geld auszugeben. Die Ängste und die Wunden von früher sind noch nicht überall verheilt. Auch ich hätte nicht freiwillig früher Deutsch gelernt. Ich wollte Englisch am Gymnasium lernen, aber in meiner Klasse wurden nur Deutsch und Russisch als Fremdsprachen angeboten. Deutsch ist keine Fremdsprache, für die man sich in Polen begeistert. Englisch aber doch. Polen und die USA verbindet trotz der Entfernung auch viel mehr als die Nachbarländer Deutschland und Polen.
Wir trafen uns heimlich mit Gerd immer wieder. Ich fühlte mich scheußlich. Die Gewissensbisse ließen mich nicht schlafen und ich bekam Angstattacken, dass Gerd’s Frau das erfährt, was mich und Gerd verbindet. Gerd oder Gertrud riefen bei mir wieder an. Ich sollte doch wieder mal nach K. kommen. Sie würden sich freuen. Was sollte ich tun? Sollte ich undankbar sein, und sagen: Nööö, mag ich nicht mehr! Wahrscheinlich. Aber dann hätte ich sie beide als Freunde verloren. Sollte ich Gertrud erzählen, dass Gerd sich verliebt hat und ich wohl auch? Und auch wenn wir sie mögen und schätzen, können wir zwei nicht voneinander lassen…? Das wohl eher nicht. Es war furchtbar. Ich konnte oder wollte nicht die Einladung einfach ignorieren, ich trug aber diese ekelhafte Schuld mit mir herum, eine Schlange in deren Nest zu sein. Und ich war sehr einsam in Mainz. Auch das Telefonieren nach Polen war damals viel zu teuer, um es jeden Tag oder halt oft zu tun. Wer im Westen war und Geld verdiente, hat jede Mark, jeden Dollar gespart. Britta aus der Kneipe wunderte sich, warum ich so „geizig“ sei, und so wenig Geld ausgeben will. Für mich war in Deutschland fast alles 10 Mal teurer als in Polen. Das Geld hatte für uns, aus dem Osten, einen anderen Wert. Und in Polen konnte ich es als Studentin nicht oder kaum verdienen. Von den Eltern bekam man auch fast gar nichts, außer genug zum Essen und etwas Kleidung. Da waren kein Urlaub und keine Selbständigkeit drin. Ich wollte meine neue Wohnung in Warschau einrichten, die ich durch die Arbeit (als Putzfrau) in Schweden und mit Hilfe der Eltern finanzieren konnte.
Ich begann ein Doppelleben. Ich tat bei der Gertrud so, als ob zwischen mir und Gerd nichts wäre. Ich schaltete das ab. Ich hoffte nur, in 3 Monaten werde ich wieder nach Warschau abreisen und dann ist eh alles vorbei. Bis dahin durfte sie nichts erfahren. Bis dahin genossen wir heimlich ich und Gerd unsere Liebe in Mainz zu zweit immer wieder im Studentenwohnheim, im Auto, im Wald, im Cafe, im Hotel, wo ich vorher einige Wochen lang als Zimmermädchen arbeitete… Bis dahin plagten mich Ängste, Gewissensbisse und Alpträume, wenn ich allein war. Ich wurde leicht depressiv und konnte schlecht oder gar nicht schlafen. Ich habe doch auch mit 23 meinen Mann betrogen, den ich aber eigentlich nicht mehr liebte, und der nicht mal nach Mainz kommen wollte. Er war viel mehr wie ein Bruder, den ich seit meiner Kindheit kannte. Mein Vater hatte uns in diese verfrühte Ehe getrieben. In Polen der 80-er Jahre konnte man nicht länger einfach so zusammen sein. Für die strengen Katholiken war es eine Sünde und Geld gab es nur von den Eltern, solange man studierte und nur für das Notwendigste. Die Eltern haben Druck gemacht, und so hat man mit 22 den ersten Freund auch gleich geheiratet, um überhaupt erwachsen sein zu können.
Wie sollte das alles enden? Wenn ich mal wieder in K. bei den beiden zu Besuch war, verlor Gerd immer mehr die Kontrolle über seine Gefühle. Er zeigte mir immer offener seine Zuneigung, auch in der Gesellschaft von anderen. Ich war entsetzt und bekam Angst. Ist er verrückt geworden? Das sollte doch niemand erfahren!!!!!!! Merkt sie das nicht??? Gerd und Gertrud wollten sich und mir eine Freude machen. Sie haben eine Reise nach Paris mit mir geplant. Wir sollten zu Dritt hinfahren und bei deren Verwandten einige Tage wohnen. Ihr Haus in Paris stand leer. Es war mein größter Traum, Paris zu sehen! Das war die Gelegenheit, die vielleicht nie wieder kommt! Allein hätte ich kein Geld dazu oder wäre zu sparsam, es für eine Reise auszugeben. Paar hundert Mark! Das war ein Vermögen! Davon konnte ich damals in Polen zwei oder drei Monate lang leben! Egal, ich spiele weiter, hoffentlich spielt er mit. Und möge Gertrud nichts merken, was zwischen mir und Gerd außerhalb unseres Dreiecks so lief. Es war wie ein anderes Leben. Das ist bald sowieso vorbei, wenn ich wieder in Polen bin. Ich hatte dort noch ein Studium zu beenden, einen Mann durchzufüttern und eine Wohnung einzurichten.
Im Kino in Mainz sah ich mir „Homo Faber“ an. Das war so ähnlich… In Paris war es unglaublich!!! Die Stadt, zwei Verliebte und seine Frau, die ich auch sehr mochte. Verrückt. Wir waren zu Dritt wie eine Familie. Und dennoch eine oder einer zu viel. Wer war wer, ist mir jetzt unklar. Aber dort schienen ich und er das Paar gewesen zu sein, wenn er auch mit ihr im Bett lag. Wir hatten ein Geheimnis und er konnte es nicht mehr verbergen. Es machte mir Angst. Seine Blicke, seine Hand hier und da… Eine rote Rose für sie, eine für mich… Was für ein Ehemann, schenkt seiner Frau rote Rosen nach 30 Jahren! Aber die Gertrud schien nichts zu merken, oder vielleicht gönnte sie ihm diese jungenhafte Verliebtheit wie eine gute alte Freundin es einem Lebenskameraden nach 30 gemeinsamen Jahren so gönnt. Und freute sich über seine erweckte Jugendlichkeit mit? Ich weiß es nicht. Immerhin mochte sie mich auch. Sie machte Fotos von uns beiden. Dann ich von denen. Später schnitt sie sich daraus aus. Ich hätte die Fotos an ihrer Stelle zerrissen.
Ich genoss Paris und meine Verliebtheit und meine Seele litt Qualen, eine Betrügerin und die Gefährtin eines Betrügers zu sein. Es war Himmel und Hölle zugleich. Wie konnte sie das nicht merken??? Wie soll das weitergehen??? Ich konnte, wollte und wusste da nicht mehr raus… An einem Abend in Paris saßen wir mit Gerd noch zusammen im Wohnzimmer und schrieben einander Liebeszettel. Da ist sie wieder früher allein ins Bett gegangen. Macht das eine liebende Ehefrau? Und lässt den Mann allein mit einer jungen, hübschen Frau??? Sagen konnten wir uns doch nichts laut. Die Gertrud war schon im Bett. Wie meistens noch vor uns. Ich würde meinen Mann nicht so oft allein mit einer jungen Frau lassen. Ich habe nicht daran gedacht, die an ihn geschriebenen Zettel mitzunehmen. Gerd dachte leider daran, nahm sie mit und steckte in seine Jacken- oder Hosentasche. Ein Andenken aus Paris, das ihn ein halbes Haus und ein halbes Vermögen kosten sollte. Nicht meine Schuld. Wollte er, dass sie das alles rausbekommt? Wollten beide, dass ein Wunder passiert und beide aus dieser Scheißehe rauskommen, ohne zu große Verluste (Haus und Garten) zu erleiden? Einer musste da ausziehen. Doch nicht die Gertrud…
Das Telefon im Studentenwohnheim klingelte eines Tages wieder mal und ich ging dran. „Ich bin sehr enttäuscht“, sagte die Gertrud, „Ich habe die Zettel gefunden“. Ich weiß nicht, was ich geantwortet habe. Es war der schlimmste Augenblick meines Lebens bis dahin. Ich stand da, ertappt darauf, dass ich und Gerd uns ineinander verliebt haben und die Frau betrogen haben. Gerd versuchte zuerst seine Frau davon zu überzeugen, dass seine auf den Zetteln heiß beschworene Liebe zu mir rein platonisch war. Das hat sie ihm leider nicht abgenommen. Scheinbar war ich für ihn auch nur ein Abenteuer, mit dem er seine Ehe nicht gefährden wollte. Er hat es nicht geschafft, mich zu warnen, dass sie es weiß und mich anrufen oder treffen könnte.
Ich fühlte mich schrecklich schuldig und sauer auf ihn. Ich fühlte mich verantwortlich für diesen 30 Jahre älteren Mann, der jetzt wegen mir in einer Ehekrise steckte, wegen so eines Ausrutschers…. Ich fühlte mich ekelhaft, weil ich Gertrud so enttäuscht habe. Ich war schuldig. Da wusste ich aber noch nicht, dass Gerd 10 Jahre lang seine Frau mit Heidi B. betrog, mit ihr in Urlaub war, und auch andere Gelegenheitsaffären innerhalb des Lehrerkollegiums und des Bekanntenkreises vor mir hatte. Wegen Heidi ist er von zu Hause für paar Monate (in eine Wohnung im Hochhaus am Rhein) ausgezogen, kam aber wegen der Kinder zurück, wie er mir erklärte, vielleicht auch aber wegen seines Gartens, den er wegen mir später verlassen hat und mir das zum Vorwurf machte! Mal haben sie für kurze Zeit sogar zusammen mit seiner Frau einen Partnertausch gemacht. Auch andere Bekannte waren auf dem Gebiet ziemlich tüchtig. Die wilden 70-er…? Das alles erzählte er mir später, schon als wir verheiratet waren… Ich stand etwas dumm da, als ich hörte, was für einen „Möchtegernfrauenhelden“ ich „nollens wollens“ geheiratet habe. Warum erzählte er mir das alles?
Der nächste Anruf kam von Gerd: Lass uns zusammen sein! Gertrud wird mich doch sowieso verlassen! Sie will die Scheidung. Und so weiter… Das klang in dem Moment mehr nach einem Hilferuf… Dennoch es war eine Überlegung wert… Soweit habe ich eigentlich nicht im Ernst vorher gedacht. Es war zuerst nicht mein Plan, Gerd zu heiraten. Es war eine Affäre, eine Verliebtheit, ein Abenteuer, ja ziemlich teuer… Ich war doch auch verheiratet, wenn auch nicht glücklich. Alles kam plötzlich und überraschend schrecklich. Andererseits hat er mir eine Hoffnung auf eine Zukunft mit ihm gemacht. Er will mit mir zusammen sein? Er hat es gesagt. Diese Zukunft konnte ich mir irgendwie auch vorstellen… Ich war verliebt in ihn und das Leben mit ihm hätte Seiten, die mir auch gefallen würden… Endlich kein Aschenputtel, endlich erscheint ein Prinz!? Ein Leben im Wohlstand (!?) und mit Freiheiten, zu reisen (!), Sachen zu haben und zu machen, die bei uns in Polen nicht möglich oder nicht erschwinglich waren, wie die Pizza beim Italiener. Das Leben im Westen bot so viel mehr! Auch wenn man eine ganz normale Arbeit hatte, wie ich als Kellnerin.
In Warschau konntest du Professor der Wissenschaften sein und noch am Hungertuch nagen… In Polen 1990 war die Welt auf den Kopf gestellt. In Koblenz schien Gerd den Kopf verloren zu haben. Ich musste ziemlich bald zurück nach Warschau. Es sind einige Wochen und Monate vergangen. Zu Hause habe ich erzählt, was zwischen mir und Gerd los war. Nicht sofort aber bald. Gerd hat natürlich gleich nach 2 Tagen bei mir zu Hause angerufen. Und natürlich um 23.00 Uhr. Was sollte Witek denn denken? Es sei eine Studienkommilitonin, die Sehnsucht nach mir hat? So kam alles raus, was ein Geheimnis für immer sein sollte. Ich war unglücklich verliebt und mit Witek zusammen. Er wollte trotzdem mit mir bleiben. Aber Gerd rief an, immer wieder. Ich rief bei ihm an. Es kostete viel Geld und war sehr umständlich. Mein Mann nahm schon manchmal das Telefon mit, damit ich nicht anrufe… Dann lief ich in die nächste Telefonzelle oder zu meinen Eltern… Tragikomisch… Für Witek eigentlich tragisch. Ich war seine Traumfrau, ich war seine andere Hälfte. Ich fühlte aber nicht so… Wir waren die besten Freunde oder wie Geschwister. Wir kannten einander seit der Kindheit. Wir gehörten zusammen, aber nicht als Ehemann und Ehefrau.
In der Zwischenzeit versöhnte sich mein Geliebter aus Deutschland wieder mit seiner Frau. Sie hat ihm verziehen. Man schmeißt doch nicht alles weg nach 30 Jahren wegen so eines Ausrutschers. Außerdem war das mit mir nicht das erste Mal, dass er sie betrog, was ich noch nicht wusste und überzeugt war, die erste Sünderin zu sein, die den musterhaften Ehemann „verführt“ hat oder sich von ihm „verführen ließ“…Wie Gerds Freund mal zu mir sagte: „Ich sei in Gerds Ehe eingebrochen…“ Aha, und er in die meine.
Später lernte ich aber seine Exfreundinnen persönlich kennen… Wollte er mich ihnen oder sie mir zeigen? Auf jeden Fall waren wir alle Trophäen seines Lebens. Wusste Gertrud, dass sie mit der Ex ihres Mannes (und ihrer guten Freundin) oft an einem Tisch saß, wie ich auch? In (oder seit) den 70-ern lief es in Deutschland wohl ziemlich bunt zu. In Polen waren die Ehen, die ich bis dahin kannte, sehr stabil, oder ich kannte das Leben noch nicht..?
Die Sehnsucht war schrecklich. Und die Trennung vertiefte nur diese Affäre und ließ daraus eine tragische Liebe entstehen. Ich war enttäuscht, dass Gerd sich doch wieder problemlos ins Eheleben integriert hat, was ich mit Witek nicht mehr konnte und nicht mehr wollte. Jetzt wollte ich die Trennung und die Scheidung. Ich wusste, ich kann mit ihm nicht mehr zusammen sein. Ich liebte Witek nicht mehr. Die Ehe mit ihm war vom Anfang an ein von meinen Eltern erzwungener Fehler. Viel zu früh und mit dem Falschen. Ich mochte ihn aber wie einen Bruder und einen guten Freund. Er tat mir sehr leid. Ich hatte wieder Gewissensbisse und fühlte mich ekelhaft schlecht ihm gegenüber und war mit ihm genauso unglücklich wie er mit mir, nur aus umgekehrten Gründen. Ich wollte weg, er wollte bleiben. Die Idee von der Trennung gefiel ihm noch weniger als sein Unglück mit meiner Person.
Ich und Witek sind (1989 und 1990) für 3 Monate nach Schweden gefahren, wo wir während der Ferien als zweiköpfige „polnische Putzkolonne“ 3 Monate lang in Büros, Fabriken, Geschäften und Hotels gearbeitet haben. Die Arbeit war hart, aber wurde auch gut bezahlt. Wir wohnten umsonst bei guten Bekannten, zahlten als Studenten keine Steuern und konnten das verdiente Geld für ein kleines Appartement (36 m2) sparen, das wir später mit finanzieller Hilfe meiner Eltern gekauft haben.
Nach 5 Monaten war ich wieder in Deutschland. Nach 5 Monaten haben wir uns wieder mit Gerd getroffen. Nach 5 Monaten konnte Gertrud wieder feststellen, dass ihr Ehemann sie betrügt und belügt. Und ich konnte erfahren, dass Gerd keine Absicht hat, sich weder von mir noch von der Gertrud zu trennen. Das hat mir auch nicht so ganz gefallen. Denn diese Situation zerrte an uns allen Beteiligten bis nach Warschau und zurück. Ich und Gerd besuchten meine Bekannte in Halle Neustadt, die Vera. Wir trafen uns bei ihr, übernachteten und fuhren weiter nach Hamburg.
Ich kannte Vera noch aus der Zeit, als meine Mutter in der DDR gearbeitet hat. Ich hielt sie für eine gute Freundin, so jemand wie eine ältere Schwester. Sie hat meine Mutter und meine Familie im Auftrag der „Stasi“ beobachtet, was für meinen Vater verheerende Folgen hätte haben können, denn er war ein aktiver Staatsfeind des damaligen sozialistischen Systems. Was Vera tat, erfuhr ich erst ca. 30 Jahre später. Seltsam, dass sie mir das nicht früher gesagt oder geschrieben hat. Es macht mich heute sprachlos und traurig. Ich hielt sie jahrelang für eine gute Freundin.
Na dann versuchte ich mich von Gerd und von Witek zu trennen. Der eine war ganz weit weg und rief an oder schrieb mir an die Adresse meiner Schwester. Witek war zu Hause und wollte nicht von mir weg. Das Ganze dauerte Monate und Jahre lang. Hin und her. Gefühlsmäßiges Chaos. Einmal wollte ich das Ganze beenden. Es war nicht auszuhalten. Es war nicht leicht, in diesem Gefühlschaos aus Glück, Trauer, Sehnsucht und Gewissensbissen, das Studium zu beenden und meine Diplomarbeit zu schreiben. Eines Tages saß ich über den Schlaftabletten meiner Mutter bei meinen Eltern zu Hause und überlegte: Soll ich, soll ich nicht? Ich konnte es meiner Mutter nicht antun, und ich dachte, ich bin doch jung, ich will wissen, was sonst noch passiert, sterben werde ich sowieso irgendwann… Ein ganzes Leben noch vor mir. Ab nach Hause. Ich muss es durchstehen und die Konsequenzen tragen und ertragen.
Die Gertrud fuhr inzwischen allein in Kur, woher sie nicht mehr so allein zurückkam. Sie brachte in ihrem Herzen einen Verehrer mit, der sie liebte, und der mit ihr zusammen sein wollte. Mit ihm haben wir alle nicht gerechnet! Unsere Beziehungskiste wurde wieder aufgemischt, denn der Neue vergötterte sie, was der Gerd ganz woanders tat.., und das nicht zum ersten Mal.
Als Gerd von zu Hause probeweise auszog, um zu testen, ob er nun mit mir sein will und kann, hat Gertrud für sich und ihn einen Schlussstrich gezogen. Es reichte ihr. Zumal er nicht das erste Mal von zu Hause probeweise auszog. Und womöglich war es ihr diesmal ganz recht, dass sie sich jetzt doch für die neue Beziehung entscheiden konnte, ohne eine Mitschuld an dem Zerfall der so „glücklichen“ Ehe mit Gerd zu tragen. Sie konnte jetzt problemlos das Haus und den Garten behalten.
Gerd war noch nicht so weit, mit mir zu sein, und eigentlich wäre er am liebsten wieder zu ihr oder in sein Haus zurückgekehrt…, hatte aber dann doch keine Wahl. Die Gertrud entschied sich für ihre neue Liebe und ein neues Leben mit 58. Sie wurde geliebt, sie war glücklich verliebt! Sie hat die Scheidung eingereicht und ihren Kurfreund geheiratet! Sie ist letztendlich wegen uns glücklicher geworden als wir beide. Nun kam wieder ein Hilferuf an mich! Nur mit dir leben! Nur dich heiraten! – schrieb der Gerd einsam und allein an mich – aus der Ferne, in der provisorischen Ferienwohnung am Waldesrand, ziemlich an der Lahn. Ich habe dort auch 3 Monate gewohnt, und fühlte mich dort lebendig begraben. So musste es ihm auch dann allein ohne Partnerin ergehen.
Ich habe mein Leben auch neu sortiert und mich schweren Herzens und erleichtert zugleich von Witek scheiden lassen. Ich war frei. Ich vermisste Gerd auch, aber nach K. zu ziehen wollte ich nie wieder. Die Zeit an der Lahn war für mich auch lehrreich und er hat mich von dort weggeschickt. Was für ein Glück! Sonst hätte ich noch wegen ihm mein Studium abgebrochen. Er wollte, dass ich das Studium fertig mache.
Außerdem hatte ich eine sehr gute Stelle (an einer Bank) und meine Familie und Freunde in Warschau. Ich wollte von Warschau nicht für immer weg. Ich wollte Gertrud und seiner Tochter nie wieder begegnen! Mir war das zu unangenehm. Ich hatte Verehrer in Warschau. Ich wollte eigentlich nichts von ihnen, denn der Eine wollte mich vor allem durch sein Geld, der Andere durch eine Fernsehkarriere für mich beeindrucken… Hinter Ihnen standen aber noch ihre Ex- oder Noch -Frauen und Kinder…, die ihnen nicht so wichtig zu sein schienen. Solche Männer gefielen mir auch nicht. Ich wollte weder das Geld des spanischen Konsuls, noch die Karriere beim Fernsehen. Ich hatte keine Lust, mich mit dem österreichischen Botschafter zu verabreden, der mir nach einem Interview mit ihm einen netten Brief schickte. Und wenn mir jemand gefiel, verschwand bald…
Ich vermisste Gerd. Wir kamen nicht voneinander los. Als Gerd in Warschau am Flughafen ankam, musste ich mich zuerst wieder an meinen alten Freund gewöhnen. Ich „fremdelte“. Es war schon etwas seltsam, auch für mich. Nach 2 Tagen waren wir aber einander vertraut und glücklich miteinander. Wir gingen ins Restaurant, wohnten im eleganten Hotel, mal auch in Krakau. Das war cool. Dort hat er mir einen Silberring gekauft. Und zum Glück haben wir keine DM in Zloty sehr günstig bei einem Schwindler getauscht. Ich kannte das Tauschgeschäft von früher, aus Rumänien… Wir gingen ins Theater oder ins Konzert. Wir sind in den 4 Jahren unserer seltsamen „Verlobungszeit“ auch zusammen durch Deutschland gereist, später auch nach Italien und London. Und jeder, der mich kannte, staunte, warum ich diesen älteren Herren dabei habe. Endlich reisen zu können, war ein Traum, der in Erfüllung ging. Und ich liebte Gerd. Schwer zu glauben. Alles wegen meines Vaterkomplexes und meiner Angst vor Männern? Er war schon sehr nett und liebenswürdig, solange man nach seinem Plan leben wollte. Gerd schrieb und kam alle paar Monate nach Warschau. Abschiedsbriefe von mir akzeptierte er nicht. Er konnte sich aber für gar nichts entscheiden. Denn- wie sollte er DAS seiner Mutter sagen??? Und das mit 56! Immerhin erzählte er ihr, dass er für eine Woche in Urlaub fährt, wenn es 2 Wochen waren. Dann würde sie sich nicht aufregen. Er durfte Sie nicht enttäuschen, sie sollte einen braven Jungen als Sohn haben.
Ich war alle paar Monate in K., sollte aber doch wieder zurück. Dann flehte er mich in seinen Briefen an, zu kommen, denn ohne mich und ohne Gertrud – gleichzeitig und auf einmal, konnte er in der provisorischen Wohnung nicht leben. So ganz allein konnte er nicht und die Partnervermittlung vor Ort bot anscheinend auch nichts Gescheites… Später stellte er mir eine Dame als seine Cousine und mich ihr als eine Bekannte vor, als wir wohl eine seiner Exdates getroffen haben… Die Cousine trafen wir während unserer Ehe nie wieder, aber noch eine Bekannte, die er nicht so richtig einordnen konnte. Sie war Verkäuferin in einem Laden in Koblenz. Woher so eine Bekannte???
Ich fühlte mich verantwortlich für diesen alten Mann, den ich liebte. Ich wollte nicht für immer nach Deutschland, ich wollte Warschau nie für immer verlassen, aber er eben umgekehrt auch nicht… Zumal ihn seine alte Mutter brauchte. Hin und her. Über 4 Jahre lang. Bis wir endlich doch geheiratet haben. Eigentlich sah ich mich in mein Unglück rennen und wäre am liebsten vor der Trauung verschwunden. Es lag nicht an Gerd, aber an dem Altersunterschied, an dieser Stadt und dieser Einsamkeit, in die ich mich begeben sollte. Ich mochte seine Bekannten auch nicht besonders, sie mich meistens auch nicht wirklich, ich war zu jung.
Ich war das Großstadtleben gewohnt und die polnische Sprache war mein intellektuelles und emotionales Zuhause. Ich musste in Deutsch Vieles ganz neu lernen. Vieles lässt sich nicht einfach übersetzen. Die Kosewörter, die Idiome, die man in der Muttersprache selbstverständlich benutzt. In der Fremdsprache musst du ein neues Leben lernen.
Dazu wusste ich seit einiger Zeit, wenn ich eine Familie haben will, d.h. Kinder, muss ich einiges über mich ergehen lassen: die In Vitro – Fertilisation. Ein neuer Alptraum stand bevor, der auch nur in Deutschland für uns zu realisieren war. Dass er keine Kinder auf dem üblichen Wege zeugen kann, ist ihm erst nach 4 Jahren unserer Beziehung eingefallen, zumindest, mir davon zu berichten, obwohl er das mindestens 20 Jahre lang wusste… Es war eigentlich ein Wunder, dass er als junger Mann Kinder bekam. Ich hätte mir auch zwischendurch die Pille sparen können… Weil wir die Aktion In Vitro vorhatten, mussten wir verheiratet sein und konnten nicht einfach mal so zusammenleben und schauen, ob es gut geht, oder nicht.
Einmal verheiratet war man in einem Kreis der Abhängigkeiten, aber ich durfte mich ein Mitglied der Gesellschaft nennen, in der ich leben musste und durfte – mit Aufenthaltserlaubnis, Arbeitserlaubnis, Krankenkasse, die es ohne Trauschein für mich als Polin damals nicht gab. Gerd wollte nicht in Warschau leben, wo ich eine gute Stelle hatte und gehabt hätte. Und das In Vitro war erst nur in Deutschland für uns möglich und von der privaten Krankenkasse bezahlbar! Er schien sich endlich nach einigen Fehlstartversuchen und Probewohnen für ein wirkliches Leben mit mir entschieden zu haben. Denn ich wollte entweder Schluss machen und endlich Ruhe haben, oder ihn auch heiraten und Kinder bekommen. Keine weiteren 5 Jahre zwischen den Stühlen zu sitzen, was er sehr gerne tat. Die Zeit blieb ja nicht stehen, nur weil er keine Entscheidungen treffen konnte und auch keine Trennung von mir ertrug.
Seine Exfrau war schon längst verheiratet. Ich versuchte mit ihm paar Mal per Brief und Telefon Schluss zu machen, aber danach rief er wieder an, schickte verzweifelte Liebesbriefe und Telegramme und flehte um meine Liebe und eine gemeinsame Zukunft, die er in rosa Farben auf Papier in Worten ausmalte! Ich war unentschlossen, wollte ihn nicht verlieren, wollte aber auch nicht von Warschau weg! Er kam dann bald auch wieder angeflogen und das Ganze Liebestheater ging von vorne los! Gerd gab mir vor unserer Ehe etwas Geld, da ich meine kleine Eigentumswohnung (36 m2) in Warschau gegen eine größere (46 m2) getauscht habe, um einen Bausparvertrag (von meinen Eltern) zu nutzen. Die erste Wohnung haben wir mit Witek gemeinsam durch Nebenjobs in Schweden fast verdient und mit Hilfe meiner Eltern bezahlt.
Gerd finanzierte etwa 1/3 dieses Vorhabens (größere Wohnung), das ich in die Tat umgesetzt habe. Es war damals (1994) ein Betrag, der etwa seinem 3 – monatigen Netto -Einkommen entsprach (13000,- DM). Für mich war es ein Riesenhaufengeld und noch etwas vom Bausparvertrag. Ich habe eine 33 m2 Wohnung in eine 46 m2 Wohnung getauscht (Jahr 1994). Es war einerseits eine große Hilfe für mich, andererseits aber auch eine Verpflichtung ihm gegenüber. Nun, dafür hatte ich aber nie einen Ehering bekommen… Unsere Silberringe haben zusammen etwa 19,90 DM gekostet. Gerd sagte aber immer wieder laut, dass für mich eines Tages ein Ring beim „Hofacker“ gekauft wird. Wohl nicht von ihm… . Das Geld (20000,- DM), das er in seinen Briefen an mich vesprochen hat, habe ich so nicht mehr bekommen. Er zahlte aber monatlich 100 oder 200,- DM (?) auf ein Sparbuch für mich ein, das ich bekommen habe.
Also habe ich wieder meine Stelle gekündigt (ca. 1800,- Mark Brutto, 1300,- Netto monatlich – in Polen damals RIESENGELD), meine paar Sachen gepackt, ließ mich von Gerd in Warschau abholen und bin nach K. gezogen. In die Stadt meiner Alpträume. Wenn ich nicht nach K. gezogen wäre, hätte ich wahrscheinlich in Warschau noch Journalistik zu meinem Magistertitel in Germanistik dazu studiert. Gerd ließ mich bei einem Notar, der sein Bekannter war, einen Ehevertrag unterschreiben. Falls wir uns scheiden lassen, würde ich auf den Unterhalt und sein „Vermögen“ (falls er welches hatte) verzichten… Von Vermögen habe ich bis dahin nicht gehört, aber etwas Geld hatte er ja wohl. Ich wusste nicht genau, wie viel. Denn ich hatte nicht die Einsicht in alle seine Konten, speziell in Luxemburg nicht. Einen Teil des Geldes hat er angeblich seiner Tochter als seiner Erbin im Haus der Mutter sowieso schon gesichert. Daher wurde er von seiner Exfrau nicht voll ausgezahlt, erzählte er mir, und hätte nicht allzu viel Geld. Das war wohl ein dezenter Hinweis, dass wir nach dem „Ja-Wort“ demnächst vorwiegend auch „Ja-Produkte“ kaufen werden.
Ich habe ja nicht vorgehabt, ihn zu verlassen. Deshalb habe ich mit reinem Gewissen den Vertrag unterschrieben. Ich habe mich doch entschieden! Und es kam mir nicht in den Sinn, dass er sich von mir jemals trennen würde. Warum sollte ich ihm diese Sicherheit nicht geben? Es war doch nur pro forma, denn wir haben uns doch vertraut…, oder nicht…? Der Vertrag war einseitig und nur zu seinem Vorteil. Ich sollte einfach nichts bekommen, falls wir uns scheiden lassen. Über die Kinder oder Kinderlosigkeit stand gar nichts drin, oder darüber, falls ich mit einem oder seinem Kind geschieden werden sollte. Ich war naiv und leichtgläubig und ich habe ihm vertraut. Ich habe ihm mein Leben geschenkt, meine Jugend und meine Zukunft. Die bekam ich als einen Tritt zurück. Einige Monate nach der Trauung waren wir beide unglücklich. Ich war zu jung. Er war zu alt. Ich war einsam in der Fremde. Er wurde von den meisten Bekannten mit mir gemeinsam in die Wüste geschickt. Wir hatten einander eigentlich lieb. Aber man lebt nicht nur zu zweit.
Es war für uns und für mich schwer, Freunde zu finden. Ich weinte ins Tagebuch bei Musikkassetten aus Polen. Er weinte sich beim Günther aus, dass er mich lieber als Geliebte in Warschau behalten hätte… Es war nicht sehr aufbauend für mich, denn ich wäre auch am liebsten in Warschau geblieben. Aber nun 3 Stunden später ohne Günther an seiner Seite, konnte Gerd auch ohne mich nicht leben. Und ich liebte ihn auch. Ich habe mich geniert als seine Ehefrau am Rhein unter anderen Paaren zu liegen. Es war mir und ihm peinlich. Mir wohl aber mehr… Ich habe mich geniert, als der Kellner in Tunesien mich als seine Tochter angesprochen hat. Es war mir oft peinlich und unangenehm. Er schien mit mir nur stolz auf sich zu sein. Er fühlte sich wieder jung, kaufte das richtige Parfüm und war wohlriechend mit sich recht zufrieden. Parümfs waren in seinen Kreisen ziemlich relevant in dieser Zeit. Ich fühlte mich nur allein mit ihm wohl und wie zu Hause. Alles andere habe ich durch eine coole und gleichgültige Pose überspielt. Neue Schuhe und neue Kleidung machten mich einige Zeit lang froh. Aber nicht auf Dauer. Auch einige seiner Freunde waren angetan, dass er so eine junge Frau hat. Einer legte mir den Kopf auf die Schulter, was mich angekotzt hat. Was ist schon dabei, meinte der Gerd. Der will doch nur bisschen nett sein… (zu wem?!). Ich durfte die beiden Herren zum Skat mit dem Auto fahren. Den anderen, einen Zahnarzt, holten wir in Waldesch ab. Gerd war zu seinen Freunden sehr freundlich, auch ich durfte mal freundlich sein. Keiner kannte mich nach der Trennung von Gerd. Peter vielleicht nur, aber er ist ja wenige Jahre danach gestorben. Auch einsam und verlassen. Seine superreiche Freundin hat ihn einfach ausgesetzt als er schwer krank und in finanzieller Not war. So was braucht man hier nicht! Wohl aber früher als er noch ein reicher Architekt und ein Frauenheld war!
Es war mir unangenehm zu antworten, wer der Opa auf dem Foto neben mir ist, als ich unser Foto meinen Bekannten in Warschau gezeigt habe. Es war alles so traurig und peinlich. Meine Freunde und Bekannten konnten wohl auch kaum glauben, dass ich mich in den alten Mann (wegen meines ihnen unbekannten Vaterkomplexes) verliebt habe. Keiner kannte meinen Vater. Nur Agnieszka meinte früher im Studentenwohnheim in Mainz, ich muss wohl den Kopf verloren haben, wenn ich mir die alten Hits der 60-er und 70-er Jahre begeistert anhöre, die mir Gerd vorspielte… Julio Iglesias hörte 1990 unter den Studenten keiner mehr.
Und die In Vitro Leiden haben uns nach einigen Jahren des Trauerns und meiner Vorwürfe, emotional auseinander gebracht… Einmal verpasste Gerd mir am Kühlschrank einen Tritt, weil ich laut war, geweint und ihm Vorwürfe gemacht habe. Ich wollte ein Kind, ich hatte keine Lust mehr auf In Vitro. Ich war oft laut und verzweifelt. Vor allem auch, weil er kein Verständnis und kein Mitgefühl zeigte. Er saß meistens gleichgültig da, und tat so, als ob ich irgendeinen dämlichen Wunsch hätte, den kein Mensch auf der ganzen Welt verstehen könnte. Wenn ich ihn lieben würde, dann wollte ich keine Kinder. Ich konnte mit keinem reden. Wem sollte ich das alles erzählen? Vor allem, wenn es doch am Ende mit dem Kinderwunsch klappen sollte? Nur meine Mutter und meine Familie wussten das und einige Freundinnen (aus Polen).
Meine Mutter litt sehr darunter, dass ich keine Kinder bekomme, akzeptierte meine Ehe mit Gerd, weil sie sah, dass ich ihn wirklich liebte und er mich auch. Sie glaubte auch, dass es mir wenigstens finanziell gut geht. Außerdem war sie froh, mal bei uns in Deutschland Urlaub machen zu können. Mama sah immer die positive Seite. Für meinen Vater war ich keine Tochter mehr, solange ich kein Kind hatte. Er hat uns erst in Koblenz besucht, als ich von Gerd geschieden war und Adam auf der Welt war. Unsere Trauung damals wollte er sich gar nicht antun. Er sagte auch immer wieder, dass er mich erst besucht, wenn ich ihn zur Taufe seines Enkelkindes einlade. (Und als es nach vielen Jahren soweit war, war er krank, und konnte nicht kommen.)
Er sagte abschließend über Gerd: „Und das war ein Lehrer…“ Mein Vater hat ihn toleriert aber nie akzeptiert, dass ich diesen Mann geheiratet habe, insbesondere wenn ich kinderlos bleiben sollte. Ich habe alles Mögliche getan, um ein normales Leben mit Gerd zu führen. Nach dem 5 – jährigen (anstrengendem) Studium (abgewechselt durch Ferienjobs) war ich müde und hatte keine Lust wieder Studentin zu sein. Außerdem wollte ich unsere Ehe nicht gefährden und mich nicht wieder unter die Studenten in Mainz zu mischen, um eine volle Anerkennung meines Diplom zu erlangen. Es war nie so, dass ich nur Gerd auf dieser Welt gefiel oder nur er mir…
Viele unter seinen Bekannten müssen aber geglaubt haben, dass er wohl mein „Lottogewinn“ war, wohl aber Loriot‘s „Erwin Lottemann“, der 66 Jahre alt war, geheiratet habe. Denn ich sprach halt „nur“ ganz gut Deutsch. Sonst war ich wohl eine „Landpomeranze“ aus Warschau. Ein Untermensch im Paradies des Glücksrads. Nun jetzt nach Jahren kann mein Sohn laut singen: „Hartz 4, Hartz 4, Opa wir danken dir“, denn das Klavier musste ich als Keyboard selbst kaufen.
Die Arbeit als Deutschlehrerin auf Honorarbasis und ohne jegliche Rentenbeiträge hat ca. 5 Jahre lang Spaß gemacht. Aber so war ich durch meinen Ehemann privat krankenversichert (war für In Vitro wichtig, denn kostenlos) – bis zur Scheidung. Ich habe ca. 3 – 4 Tage die Woche gearbeitet und im Durchschnitt nur 1200 – 1300,- DM monatlich verdient. Seine Pension war etwa 4000,- DM Netto. Ich musste an manchen Tagen in die Klinik nach Bonn. Im Sommer wollten wir zusammen Urlaub machen.
In 20 Jahren darf ich ca. 35,- Euro Rente (aus dieser Zeit) monatlich beziehen, falls ich da noch lebe… Bis dahin, erhalte ich Hartz 4. Denn als Polin bekommt man auch keine Festanstellung und man kann mit dem Unidiplom in der Schublade, eventuell putzen gehen oder als Aushilfe im Supermarkt arbeiten. Man hört von Bekannten, dass sie auch schon mal „eine Polin hatten“, als Putzfrau, im Garten oder als Pflegerin der alten Mutter. Die sprachen aber alle ganz schlecht Deutsch. Bald glaube ich, jede „Polin“ muss fließend Deutsch können, besonders die Putzfrauen.
Mein Sohn ist jetzt fast 11 (geht aufs Gymnasium) und denkt jetzt schon über einen Nebenjob in einer Bäckerei nach. Denn bei „McDonalds“ würde er zu viel selbst essen wollen. Noch 7 Jahre und er darf Geld verdienen! Das ist meine Hoffnung! Ab in die Fabrik! Während meiner Ehe mit Gerd, brauchte ich keine Festanstellung, ich war doch durch meinen frühpensionierten Mann abgesichert. Und ich sollte keine Festanstellung haben, denn nur die Privatversicherung meines Mannes übernahm einige Male, 5 Jahre lang, unsere In – Vitro – Versuche, mich wegen meines Mannes schwanger zu machen. Und es waren jedes Mal Kosten von mehreren tausend Mark und eine Menge Stress – vor allem für mich. Ich habe alles getan, um ein Kind von ihm zu bekommen. Nichts hat geklappt. Und meine Bemühungen schienen ihm auch nicht so wichtig zu sein. Wenn ich ihn nämlich wirklich lieben würde, wollte ich auch gar kein Kind. Aha. Frau A. und Herr B. (in meinem Alter etwa) hatten auch keine Kinder und waren doch glücklich miteinander, erzählte er mir von Bekannten und verschwieg mir dann später diplomatisch die Schwangerschaft von Frau A., die ich erst im neunten Monat mit eigenen Augen und zu meinem Erstaunen zufällig in der Stadt erblickte. Sein Argument verlor an Gültigkeit. Er fand keine Worte.
Er – als 60-jähriger Frühpensionär sah sich als der beste Lebenspartner für eine 30-jährige Frau, für die er ihr Ein und Alles sein wollte und als die Wochenendshöhepunkte des Zusammenlebens, die Besuche bei seiner 95-jährigen Mutter im Altenheim bot. Da zog er immer eine Anzugshose an, denn die Mutter mochte keine Jeans… Ich besuchte die Schwiegermutter, die ich kaum kannte, wohl öfter als ihre Ex-Schwiegertochter und die einzige Enkelin in dieser Zeit.
Wir machten mit der Schwiegermutter Autotourchen und luden sie zum Kaffee ein. Sie war eigentlich ganz nett und immer etwas traurig. Ich hörte mir immer wieder die Geschichte ihrer verstorbenen Tochter und des verstorbenen Enkelkindes an. Ich schlug die Sahne, wir backten den Käsekuchen. Manchmal kam auch seine Tochter dazu, später auch Gerds Enkelkinder und sein Schwiegersohn, ein echter Psychologe. Keiner sprach mit mir wirklich. Wir sprachen über das Wetter, bla bla bla… Für mich, meine Arbeit, meine Familie oder mein Leben interessierte sich niemand. Ich wurde höflich toleriert, sogar mit einem Kuss begrüßt und verabschiedet. Das macht man hier so. Höflich, freundlich elegant. Und dann: „Tschüss und auf Nimmerwiedersehen!“
Ich und Gerds Tochter konnten keine Freundinnen sein, solange ich mit Gerd verheiratet war. Danach wohl um so weniger. Ich glaube nicht, dass sie mich einen einzigen Tag ihres Lebens ernstnahm. Manchmal fragte ich sie etwas, und sie tat so, als ob sie mich nicht hörte. Vielleicht waren wir beide aufeinander etwas eifersüchtig. Sie war sein „Spätzchen“ und ich durfte mich nach meiner Fehlgeburt nur mitfreuen, dass Gerd Opa geworden ist. Dabei hätte ich da auch schon ein Kind von ihm bekommen können, wenn es gegangen wäre… Als seine Tochter heiratete, war sie schwanger und freute sich auf ein Kind, ich trauerte da nach der ersten Fehlgeburt nach dem In Vitro – Versuch. Ich konnte es niemandem erzählen.
Ich bekam eine Reise in die USA anstatt eines Kindes und blutete dort 2 Wochen lang, wohl nicht vor lauter Freude. Ich konnte mit Gerd nach Spanien. Das alles hat mich nicht glücklich gemacht. Und ich sagte ihm, dass ich ohne Kind nicht bleiben will. Wer nicht ungewünscht jahrelang kinderlos war, wird es womöglich nicht nachvollziehen können, was eine solche Frau oder auch ein Mann durchmachen. Ich fühlte mich wie eine Versagerin, ich fühlte mich wie jemand, der um die eigene Weiblichkeit und Menschlichkeit betrogen werden soll – für einen Mann, der nichts verstand, der nicht mal mitgelitten und mitgefühlt hat, denn er hatte Kinder und sogar Enkelkinder. Ich sollte mein Leben aufgeben, für ein paar neue Schuhe und eine Reise in die USA? Das wollte ich nicht. Ich habe mir nichts mehr gewünscht als mein eigenes Kind oder ein gemeinsames Kind. Nur dann hätte das Leben hier mit diesen Menschen für mich auch einen Sinn. Ich liebte Kinder und wollte Mutter sein. Ich wollte die Schwangerschaft erleben und die Geburt, und wie mein Kind groß wird. Is das nicht normal? Zuerst wollte ich ein Kind mit ihm, später auch überhaupt eins. Für eine Adoption war er zu alt und wollte auch kein Adoptivkind, noch ein Pflegekind, da er auch zu alt war und wir keins bekämen. Er hat sich aber nie erkundigt. Wenn, dann sollte es sein eigenes Kind sein, das er mal verloren hat und auch nie wieder zeugen konnte.
Nicht mal einen Hund durfte ich haben. Das war zu viel Arbeit. Gerd schlief doch jeden Morgen bis 10.00 Uhr, dafür schaute er jeden Abend bis 24.00 Uhr fern. Er würde ganz bestimmt nicht mit dem Hund spazieren gehen, wenn ich arbeite. Und er wollte in Urlaub fahren, ich auch. Bei Gerd gab es dann keine Lösung, außer: nur ja gar nichts verändern.
Ich fuhr oft allein in aller Frühe in die Klinik nach Bonn, dann nach Wiesbaden. Er hat dann noch geschlafen. In Kliniken war nichts möglich. Nicht mit ihm, nicht ohne ihn, womit er auch (nach 3 Jahren) einverstanden war, denn sonst wollte ich mich trennen. Das einizige Argument in den Diskussionen war immer, dass ich nach Warschau zurückgehe. Aus der Klinik dann schnell zur Arbeit oder nach Hause. Eine Vollzeitstelle war auch deswegen nicht möglich. Ich war aber doch abgesichert. Zwar hätte ich 10 Jahre lang unserer Ehe nur einen Teil seiner Pension bekommen (wegen des Altersunterschiedes), falls er gestorben wäre, aber das hätte auch gereicht. Nach 10 Jahren Ehe oder mit einem Kind wäre ich dann voll als Ehefrau anerkannt gewesen, was die Pensionsrechte anbetrifft.
Mein Mann verbrachte seine Freizeit am liebsten auf dem Tennisplatz mit Bekannten, beim Skat mit Freunden oder er fuhr ab und zu mit Günther Wein einkaufen. Zum Tennisplatz durfte ich mit. Ich war schon durchaus vorzeigbar und redete auch keinen Blödsinn… Einmal waren wir dort mit dem Günther und seiner viel jüngeren Frau. Ein etwas neidischer Bekannter fragte die beiden älteren Herren: „Was habe ich falsch gemacht, dass ich keine so junge, hübsche Frau habe?“ Günther antwortete: gar nichts. Eigentlich war es uns allen bewusst, dass es für uns alle ein Fehler war…
Freitagnachmittag kegelte Gerd immer mit Bekannten. Es war ihm egal, dass ich dann niemanden sonst als Begleitung hatte. Nach unserer Trennung hatte er da die Gelegenheit über mich zu plaudern, z.B., dass ich mich mal mit Elias B. traf, der in der Zeit bekannt durch Medienberichte wurde. Das hat Gerd wohl stolz auf sich selbst gemacht. Ich bat ihn nicht um solche Mitteilungen im Bekanntenkreis seiner Bierkumpel. Manchmal waren wir bei Bekannten, die mir freundlich und begeistert mitteilten, dass ich Deutsch kann, und wo Gerd ordentlich getrunken hat und ich mit dem Auto zurückfahren durfte. Es war alles so trostlos.
Auch den Führerschein durfte ich in Deutschland noch einmal machen (und sofort bestehen), denn meine polnische Fahrerlaubnis war wegen der deutschen Vorschriften nach 3 Monaten auf dem deutschen Boden ungültig. Kein Problem, was macht man nicht aus Liebe. Er fuhr doch hin, also ich zurück, es war doch gerecht, scherzte er! Ich trank ja nicht, weil ich gleich wieder um 5.00 Uhr morgens in die Klinik sollte… Aus dem Grunde musste ich fast immer Gerds angetrunkene Stimmung trüben (sowie Kurt stutzig machen), und schon gegen 22.30 drängen, dass wir nach Hause müssen. Keiner konnte begreifen, warum ich so früh ins Bett will… Das haben wir auch nicht hinausposaunt… Der angetrunkene Gerd benahm sich oft wie ein lustiges Ferkel und wäre am liebsten gar nicht nach Hause gefahren, das Taxi war ihm aber dann doch zu teuer. Zum Glück musste er mich spät abends von den Bekannten, die 3 Häuser von uns entfernt wohnten, gar nicht nach Hause begleiten. Das war ja doch um die Ecke. So lief ich auch alleine nachts heim und es war nicht schön. Das war ich nicht gewohnt. Mal konnte ich sein unverdautes Bier – Schnaps – Gemisch vom Boden im Bad aufsammeln, da er ziemlich kränklich daneben lag… Ein anderes Mal stolperte er in die Vitrine bei Bekannten… Er hatte die Haftpflichtversicherung, die die Türscheibe und die Gläser bezahlte.
All diese Bekannten, die mit uns gefeiert haben oder Reisen zusammen gemacht haben, haben mich später nach der Scheidung sofort nicht mehr gekannt. Wer mich mit einem Küsschen 5 Jahre begrüßt hat, ist an mir in der Stadt wie ein Fremder vorbeigelaufen (Kurt) oder sagte nur: ruf mich nicht im Büro an (Wolfgang), ohne wissen zu wollen, warum ich anrief. Er ließ mich nicht den Satz zu Ende sprechen. Ich habe einmal wegen Gerds Verhalten nach der Trennung angerufen. Er war Jurist und Richter, da brauchte ich Rat.
Manchmal sagte Gerd über sich, er sei etwas schizophren, ja das war er. Das habe ich zum ersten Mal 1990 von ihm gehört und nicht verstanden. Aber nach vielen Jahr habe ich das auch gemerkt. Er konnte ja ganz anders sein, als man ihn so kannte. Nicht nur anscheinend sehr lieb und nett, sondern auch sehr kalt und gleichgültig, vor allem angetrunken und wohl zu seinen Ehefrauen, die er dann wie die eigene „Mutter“ ansah.., (die er nicht liebte aber bloß fürchtete) und bei denen er sich wie ein ungezogener Teenager aufführte. Seine Exfrau sagte doch früher oft: „Junge“ zu ihm. Wohl nicht ohne Grund.
Einmal, als ich früher und weinend (es hat wohl wieder nicht geklappt) aus der Klinik in Bonn kam, vergnügte sich Gerd allein mit einem erotischen Videofilm… Mit mir hatte er schon lange wenig oder keine Lust, denn ich verursachte ja nur unnötigen Stress mit meinem unverständlichen Kinderwunsch und meiner „unfröhlichen“ Stimmung… Er hatte doch eine Tochter und seine Enkelkinder. Was brauchte ich mehr zu seinem Glück? Die Fotos seiner Kinder standen bei uns auf dem Regal. Ich sollte keine Kinder haben. Dann habe ich gesagt, soll er den Kontakt zu seiner Tochter und seinen Enkelkindern abbrechen. Warum muss er sie haben? Ich sollte auf das mütterliche Glück der anderen Frauen nicht eifersüchtig sein. Andere waren es auch nicht, bekam ich mal zu hören.
Ist der mütterliche Instinkt, der in mir ganz außergewöhnlich ausgeprägt ist, Eifersucht? Warum wollen andere Frauen Kinder haben, sind alle nur neidisch aufeinander? Ich wollte eine Frau und Mutter sein. Ich habe geholfen, meinen Neffen (geb. 1984) großzuziehen und wusste schon, wie es ist. Er war wie ein Sohn für mich. Und jetzt war er auch ganz weit weg in Warschau… Damit ich Altenpflegerin meines Mannes eines Tages werden kann aber keine Mutter seiner und meiner Kinder…
2016 erfuhr ich, dass er am Ende seines Lebens eine Pflegerin aus Polen hatte…
Für die meisten Polen sind die Kinder das Wichtigste im Leben und nicht nur ein Nebenprodukt des zufälligen Beischlafs im Karneval oder auf der Party… Wobei auch dieses in Polen nicht ausgeschlossen ist! Man lebt für die Kinder.
Es waren die schlimmsten 5 Jahre meines Lebens. Eine Situation, aus der ich keinen Ausweg sah und wieder oft an die Schlaftabletten gedacht habe oder zwischendurch etwas mehr Alkohol als gewöhnlich trank, um einzuschlafen. Das war nicht gut. Von Mianserin und Sertralin zur Stimmungsbesserung habe ich da noch nicht gehört. Ich habe mich so minderwertig gefühlt und war wütend. Und es war weder mir, noch keinem anderen bewusst, dass ich depressiv wurde. Ich habe furchtbar gelitten, konnte nicht schlafen, bekam oft Ohrengeräusche und ab und zu Herzrasen. Damit ging ich zum Arzt. Infusionen sollten gegen Ohrensausen helfen. Das Herzrasen war auf keine Herzkrankheit zurückzuführen. Ich konnte andere Mütter und Kinder nicht sehen! Ich war wütend, dass ich wegen dieses Mannes mein Leben ruiniert habe, und dass ich wegen ihm auf meine Kinder verzichten und noch 20 Jahre lang allein in der fremden Gegend herumtappen soll. Ich konnte sie doch bekommen. Er konnte sie mir nicht geben. Vielleicht hat er sein Leben lang zu viel geraucht und getrunken? Vielleicht weil er als Kind Mumps hatte. Vielleicht wollte Gott es so und nicht anders.
Ich habe trotz all dem Stress gearbeitet und mich dort sehr zusammengerissen. Die Arbeit war mein Leben und meine Schüler wie meine Familie. Sie sprachen Russisch und es war schön. Mit einigen trafen wir uns dann abends bei uns oder im Restaurant, wir haben Tourchen gemacht. Ich sah mich allein, ohne Freunde, ohne Familie, ohne Kinder, ohne den richtigen Job, nur mit ihm allein, zu früh altern. An einem Esstisch, den Gerd aus der früheren Ehe mir ins Zimmer stellte, genauso wie die Stühle, und etwas alte Bettwäsche in den Schrank legte. Das kotzte mich auch an, aber ich dachte, wir können uns wohl nicht so viele neue Sachen leisten. Er hat ja erzählt, dass er nach der Scheidung von seiner Frau verarmen würde… 40 000,- DM in bar für einen neuen Audi hatte er aber doch irgendwo hergeholt. Wir brauchten keinen neuen Audi, aber nur so fühlte er sich als jemand. Haben, nicht sein, den Schein wahren, zeigen, was alle sehen können.
Im Stadttheater lief „Die Katze auf dem heißen Blechdach“, ich und Gerd schauten sprachlos das Stück. Ich wollte nicht so enden! Ich wollte nicht mehr bei ihm bleiben. Ich wollte mein Leben retten und flehte ihn an, er möge sich von mir scheiden lassen, denn ich konnte das nicht, weil ich es nicht fertig brachte und auch davor Angst hatte. Als ich nach Warschau fuhr, um ihm meine Trennung von ihm anzudeuten, bestand er darauf, dass ich zurückkommen soll. Er ließ mich nicht gehen. Denn trotz allem liebten wir einander. Und ich dachte, ich kann ihn doch nicht verlassen. Ich zum zweiten Mal geschieden im katholischen Polen??? Zurück in das Leben, das ich für ihn verließ… Alles wieder neu zu beginnen? Er mit Anfang sechzig von mir verlassen…? Ich hatte Angst, es ihm und mir anzutun. Er wollte keine Scheidung. Ich war bei einer Psychologin in Warschau und auch in Koblenz. Keine konnte mich wirklich verstehen. Beide hörten mir lange zu. Die eine redete einen Stuss, die andere sagte, dass sie nicht an mich rankommt. Ich dachte, das kann nicht wirklich helfen, Zeitverlust. Dennoch hat es Geld gekostet. Einmal privat, einmal die Krankenkasse.
Meine letzte Hoffnung, um mein Leben und unsere Ehe zu retten, war ein Kind, egal wie. Und es passierte. Ich rief in Warschau an und Witek, mein erster Mann, war einverstanden, mir dabei behilflich zu sein. Er stellte keine Fragen, obwohl auch er eine Freundin zu Hause hatte, die ihn später wegen unseres Kindes verließ. Ich wollte nicht mit ihm zusammen sein, was er wusste. Er tat, was er konnte und sollte. Eine Verzweiflungstat in Warschau, für mich eher etwas peinlich. Ich kam mit dem Flieger am Donnerstag, traf ihn am Freitag und flog am Sonntag zurück. 5 Wochen später geschah ein Wunder. Ich bekam meine Periode nicht. Ein Schwangerschaftstest bezeugte eindeutig die frohe und unglaubliche Botschaft: schwanger. Ich war schwanger, ganz normal, wie viele andere Frauen vor mir schwanger waren. Ich war überwältigt und schockiert. Eigentlich habe ich selber nicht mehr geglaubt, dass ich ein Kind bekommen kann. Es hat doch 5 Jahre lang nicht geklappt, obwohl alle Untersuchungen und die Bauchspiegelung ergaben, dass bei mir alles in bester Ordnung ist und immer war. Ich hatte Angst, nach den Eingriffen zur Eizellenentnahme hätte etwas verletzt werden können. Ich glaubte letztendlich, es liegt auch an mir, dass ich nicht schwanger werden kann, sogar auf diesem Wege. Gott wollte es anders.
Wie sage ich es jetzt meinem Mann? Na, dann hast du jetzt, was du wolltest! Ich werde nicht dein Kind versorgen!!! Mach, was du willst, treib ab oder was auch immer! Ich lasse mich scheiden!!! – sagte mein „reifer“ Mann nach 10 Jahren gemeinsamen Schicksals. Ich stand da, allein, einsam, hilflos. Was sollte ich machen? Er bot mir keine Hilfe an, keine Unterstützung, auch nicht finanziell, nur die Abtreibung in der Klinik, in der ich jahrelang versuchte, schwanger zu werden, oder die Scheidung. Er hat mich völlig im Stich gelassen.
Die Abtreibung war ein emotional schlimmes Erlebnis. Aber ich wurde im selben Jahr wieder von Witek schwanger. Ich möchte das hier nicht wieder vertiefen (siehe andere Texte).
Natürlich hatten wir vor Gericht zur Scheidung nur einen Anwalt, der sein Bekannter war, denn wir hatten keinen Grund über irgendetwas zu streiten. Niemand hat mir geraten, einen eigenen Anwalt zu holen. Ich wollte auch keinen Ärger machen, denn Gerd war immer noch die einzige Person, auf die ich (als Freund) zählen konnte. Wir waren nicht verfeindet. Geld gab es, so viel ich wusste, nicht so viel, und ich bekam nach der Scheidung einen „zehnten“ Teil davon. Dafür haben wir kaum was vom gemeinsamen Haushalt geteilt. In der Wohnung blieb fast alles so stehen, wie es war und er behielt seinen Audi A 4, den wir in der Ehe neu gekauft haben. Ich wollte keine Probleme machen und wurde von keinem auch des Besseren (für mich und Kind) belehrt. So ging meine Ehe zu Ende.
Wenn er mich so im Stich lassen konnte, konnte ich ihn auch verlassen. Ich hatte auch einen jungen Verehrer, Joachim – der mir auch unglaublich gut gefiel, der aber abwartete, ob meine Ehe endgültig zu Ende ist. Er wollte an dem Zerfall nicht schuldig sein. Er konnte aber da auch nicht mit mir zusammen sein, denn er war leider krank und ertrug nicht sofort allzu viel Nähe und Zuwendung. „ Der Steppenwolf“ von Hesse lag auf seinem Tisch. Ich las das Buch und verstand. Wir trafen uns alle paar Monate. Ich entschied mich für ein neues Leben ohne meinen Ehemann.
Allein mit meinem Kind. Letztendlich bekam ich von Gerd nach der Scheidung etwas Geld auf den einsamen Weg mit meinem Sohn. Das Geld reichte aber für die nächsten 5 Jahre, obwohl ich sparsam gelebt und gearbeitet habe. War aber immer hin und her zwischen Polen und Deutschland auf Reisen, damit mein Kind seine Großeltern kennen lernt und sie ihn. Die Kinderbetreuung hat jede Menge Geld gekostet. Ich habe auch in Teilzeit gearbeitet.
Alleinerziehend musste ich fast jede Stunde – ohne meinen Sohn dabei – bezahlen. Der Dreijährige wunderte sich, Mama, warum muss man jemanden bezahlen, der zu Besuch war? Ich ließ ihn glauben, dass die Nannys seine Familie waren und die netten Mädels oder die Tagesmutter spielten mit ihm. Auch die Reisen nach Polen und zurück waren nicht umsonst. Taxi, Zug, Flug, Taxi oder Mietwagen vom Flughafen. Mich holte der Gerd nicht mehr ab, und allein mit einem Kleinkind wollte ich manchmal im Dunkeln früh morgens oder abends nicht mit dem Zug fahren, allein vom Bahnhof mit Koffern nach Hause, usw. Ich hatte hier wirklich keinen. Es war dem Gerd ganz egal. Er war ja aus der Sache fein raus, meinte er. Ich hatte niemanden mehr in dieser Stadt. Alle Bekannten, mit denen wir früher gefeiert haben, kannten mich nicht mehr. Drei Leute schickten zwar eine Karte oder ein kleines Geschenk für das Kind nach seiner Geburt, besuchten uns einmal, aber das war es auch. Keiner wollte sich mit uns treffen oder etwas zusammen unternehmen. Keine Familie, keine Freunde, niemand. Auch die polnischen Bekannten, die regelmäßig in die polnische Kirche gingen, hatten kein Interesse, sich mit mir und meinem Kind anzufreunden. Weder Anna, noch sonst jemand informierte mich später, wann die Treffen der deutsch – polnischen Gesellschaft stattfanden. Die Frauen hatten alle die richtigen Männer, die Lehrer, Juristen, Unternehmer oder Beamte waren. Da war ich nicht katholisch genug oder halt zu alleinstehend, dass man mich und mein Kind gebrauchen könnte. Aber ich wollte sowieso nicht mehr dahin. Seltsam wie sehr man auch auf eine feine passive Art und Weise des Übersehens und Verschweigens gemobbt werden kann. Sogar in der Kinderkrippe wussten alle Mütter, was sie zu einem Fest mitbringen sollten, nur mit mir hat keine darüber gesprochen, bis ich nachgehakt habe.
Ich fühlte mich wie eine Aussätzige. Ich verzweifelte zuweilen in dieser Einsamkeit ohne Freunde und Familie. Eine alleinerziehende und einigermaßen attraktive Frau hat es sogar schwer, Freundinnen zu finden, denn fast jede Frau zittert um die Treue ihres so geliebten und liebenden Mannes… Andere wollten sich mit so einer armen Ausländerin mit östlichem Akzent, die einen gebrauchten Kinderwagen vor sich schob, gar nicht abgeben, es sei denn, sie konnte auch mal auf die Kinder aufpassen, wenn man selbst in Ruhe einkaufen wollte… Dann passte es schon. Alle Bekannten oder Freundinnen von früher kannten mich wenig mehr… Einmal besuchen, eine Glückwunschkarte – wie es sich gehört, aber mehr Interesse war nicht da. Keine Familie, keine Freunde. Fast jeden Tag einige Jahre lang allein, mit den Tagesmüttern, die mal netter, mal etwas weniger nett waren. Immerhin wenigstens jemand, auf dessen Hilfe man rechnen konnte, solange man Geld hatte, um diese Hilfe bezahlen zu können. Denn sogar eine gute Bekannte nahm mir Geld ab, als ich zum Zahnarzt musste und mein 3-Monate altes Baby 2 – 3 Stunden lang bei ihr schlafen sollte. Sie hatte ein festes Beamteneinkommen als Witwenpension. Ich glaubte eine Freundin gefunden zu haben, aber auch sie verschwand aus meinem Leben, weil sie weggezogen ist und ihre eigenen Sorgen hatte… Und ich nichts auf der gleichen gesellschaftlichen Ebene auf den ersten Blick bot. In „dieser“ (meiner) Küche wollte keiner mit mir sitzen. Schon gar nicht, wenn man in einer Villa am Rhein wohnte. Ich weiß nicht warum, fast alle haben mich und mein Kind im Stich gelassen. Wenn du dir nicht hilfst, hilft dir keiner, hörte ich Anna, auch eine Lehrerin und Germanistin, mir das Leben erklären. Sie konnte mir keine 100,- Euro leihen, denn auch sie und ihr Mann haben den Beamtenstatus und Familie, die ihnen im Notfall helfen konnte. Und ich war nach dem Tod meiner Eltern und vor allem meiner Mutter völlig hilflos. Ich musste nach Polen, um Sachen zu erledigen und um an das geerbte Geld zu kommen. In Not lernt man Menschen kennen. Wie wahr. So jemand wie eine Frau mit Kind und Migrationshintergrund braucht man nicht im geordneten bürgerlichen Leben, auch wenn man die Kirchensteuer bezahlt, oder sogar an Gott glaubt. So einer traut man nicht, besonders, wenn bei ihr schon Einiges etwas außergewöhnlich ist, Gott weiß warum…
Auch in Warschau begegnete man mir mit Distanz. Da dort alle Bekannten meines Jahrgangs, die studiert haben, auf der Seite des Erfolgs standen, und nicht abseits wie ich. Ein Haus mit Garten, eine 100 m2 große und schicke, neue Eigentumswohnung, 2 Kinder in einer Privatschule, 2 Autos, ein guter Job oder ein gut verdienender Ehemann, Urlaub in Spanien oder auf den Kanaren. In Warschau haben meine Bekannten fast alle viel erreicht. Zumindest die, die was erreichen wollten. In den 5 Jahren, als ich weg war, profitierten viele vom wirtschaftlichen Aufschwung. Ich war die Looserin, die in Koblenz ihr Leben verpasste, um ihren Mann zum Skat zu fahren und nach der Party nach Hause zu fahren.
Ich konnte in Deutschland das Wohngeld beantragen und mich im Sozialamt nach den Aussichten für meine weitere Zukunft erkundigen. Es war mir so peinlich. In Polen war ich meistens die jenige, die den Erfolg sicher hatte. Hier war ich ein Niemand. Ein Aschenputtel. Solange Gerd keinen Ersatz für meine geschiedene Gesellschaft fand, war er trotz unserer Scheidung ein guter Freund und sogar ein „Ersatzopa“ für meinen Sohn. Und er war der einzige, der noch ein Freund war, auch wenn er mir nicht die Tür aufmachte, wenn eine neue Dame zum Kaffee bei ihm war. Ich wäre doch am Nachmittag gar nicht gekommen, wenn ich das gewusst hätte!Und er konnte es mir beim gemeinsamen Früstück am selben Tag erzählen. Musste ich mir das antun?
Ein Meister des Verschweigens und des Vortäuschens. Es war für uns drei schöner zusammen als ganz allein, am Sonntag Kaffee zu trinken oder Eis essen zu gehen. Gerd lud uns ein. Wir hatten keine Familie und keine Freunde. Und auch das Kind machte ihm zweimal 2 Stunden in der Woche viel Freude, solange er es nicht seins nennen und nicht weitgehend finanzieren musste. Für seine Enkelkinder hatte er auch nicht viel mehr übrig.
Meine Eltern waren zu alt, um hierher zu kommen und mir zu helfen. Das wäre auch zu teuer gewesen. Meine Schwester und mein Neffe hatten kein Interesse. Dabei war ich für ihn früher auch wie eine Mutter und für sie eine Hilfe in jeder Lebenslage, auch finanziell. Ich habe Arbeit als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache und als Vertretungslehrerin an einer Förderschule gefunden. An einer Förderschule begegnete ich aber einer Rektorin, die Gerd kannte und ich bekam die Stelle wegen meiner Ex-Affäre oder Ex-Ehe mit ihm nicht. Sie hat mir eine Predigt gehalten, weil sie in der Nachbarschaft der Familie B. gewohnt hat, und wie man das so schön formuliert: Bescheid wusste!
Ich wollte aber nicht so allein mit Kind hier leben, also schaute ich mich nach einem richtigen Partner um. Von einer seriösen Partnervermittlung erfuhr ich, dass ich als Polin das Doppelte der normalen Gebühr zahlen müsste, falls ich einen Mann finden will. Wenn du aus Polen kommst, vertraut dir keiner, egal wer du bist und was du kannst. Einige tausend Mark waren mir zu viel, mir ein neues Unglück zu suchen… Zu mir passte keiner, obwohl der Eine oder Andere Interesse an mir hatte. Und dem Gerd passte nicht, dass ich – von ihm geschieden – nicht nur ihm allein treu sein wollte. Er wollte uns schon so beibehalten…, nur ohne Verantwortung im Ernstfall. Wenn mir was passieren sollte, wäre er nämlich nach der Scheidung elegant und fein raus. „Was ist, wenn du bei der Entbindung ins Koma fällst?“ – erklärte er mir bei der Scheidung, die er eingereicht hat, „Dann wäre es nicht elegant sich scheiden zu lassen“, meinte er im Ernst. Ich war schwanger und wollte diesen letzten Schritt unserer Trennung eigentlich nicht mehr. Der Termin wurde sogar aus objektiven Gründen einmal verschoben, aber er hat er sich immer noch nicht anders überlegt, zumal er von seinem Schwiegersohn – einem Psychologen in diese Richtung beraten wurde, wie er mir gesagt hat. Ich habe ihn selbst zu ihm geschickt, mit der Hoffnung, er versteht unsere die Situation. Der Psychologe erklärte ihm: das war nicht so verabredet, Scheidung. Und meine Kinderlosigkeit war etwa verabredet?
Autoritäten stärkten sein Vorhaben. Trennung war die einzig richtige Lösung. Denn so etwas macht man in Koblenz nicht. Zuerst hätte ich gedacht, dass ihn der Schwiegersohn ganz anders berät und bat ihn selbst, sich diesen Rat zu holen. Mhm. Ich bin wohl nicht von dieser Welt. Und ganz bestimmt nicht aus dieser Stadt, die mich an die Lektüre von Heinrich Mann’s „Die kleine Stadt“ erinnerte. Das Buch mochte ich nicht. Darüber musste ich in einer Prüfung an der Uni sprechen. Seltsam. Und vor kurzem (2010) fand ich das Buch im Roten – Kreuz – Laden. Eine Ausgabe von antiquarischem Wert aus dem Jahr 1925, in altdeutscher Schrift. Die berühmten Titel verfolgen mich in meinem Leben an Schritt und Tritt. Seltsam, hat sich an der Gesellschaft von damals bis heute so wenig geändert?
Gerd entschied sich gleich nach unserer Trennung für eine intensive Suche einer Partnerin durch eine Partnervermittlung und fand nach einiger Zeit, in seinen Augen, was Gescheites. Oder hat er doch wahr gemacht, was er nach der Scheidung von mir verkündete, und zwar, dass er keine intelligente Frau mehr ins Haus lässt, denn intelligent sei er selbst… Aha… Nun ließ er mich nicht ins Haus, als eine neue Kandidatin bei ihm zu Tisch saß, obwohl wir die Nacht noch miteinander verbracht und zusammen gefrühstückt haben. Am Nachmittag war ich nicht mehr erwünscht. Er hätte mir sagen können, dass er zum Kaffee Besuch erwartet, dann würde ich nicht so blöde vor seiner Tür da stehen. Zwischen uns lief nichts mehr als Freundschaft. Obwohl er dem Kaffebesuch noch ins Krankenhaus mit Blumenstrauß nachlief – traf er da nur auf den aktuellen Freund der Dame und auf keine Begeisterung allerseits. Da er abserviert wurde, durfte ich wieder mal zum Kaffe mit meinem Sohn. Denn allein sein konnte der Opa Gerd nicht. Eine von ihm nach langer Suche (scheinbar waren doch paar Intelligente dabei) auserwählte Dame namens Renade (in seinem reifen Teenager-Alter etwa) ließ mich wissen, dass er und sie auf dem (von mir mit ihm für unsere Wohnung gekauften) Teppich liegen, und er deshalb nicht ans Telefon kommen kann, als ich ihn irgendwann mal anrief. Oder, dass er mit mir nicht sprechen will. Dafür sprach sie mit mir, und klärte mich auf, ich würde doch schon noch einen Freund finden. Das war für mich nie ein Problem. Normalerweise konnte ich die Kandidaten schwer loswerden. Gerd war zu dem Zeitpunkt wie ein Vater und Adams Opa. Die einizige männliche Bezugsperson für meinen Sohn. Und ein guter Freund von mir, dachte ich. So jemand wie ein Vater. Sie behandelte mich wie eine ehemalige, zufällige Bekanntschaft, die IHREN neuen Freund nicht in Ruhe lässt… Und er ließ es zu und stellte mich vor allen Bekannten als seinen Alptraum dar, der Telefonterror verübt. Ich konnte nichts erklären, da niemand mit mir mehr sprach. Warum sollte man MIR irgendetwas glauben? Keiner nahm mich ernst? Und ich rief tatsächlich paarmal zu oft an, den beiden zum Trotz, und um zu prüfen, wie der Gerd reagiert. Ich war auch sehr allein, denn ich fand gerade eine Arbeitsstelle in Warschau, wo ich nach vielen Jahren in Deutschland keine Freunde mehr hatte. Ich fühlte mich wieder so allein in Warschau. Ich wollte mit ihm bloß reden und ich war enttäuscht, dass er nicht zu Adams Geburtstag kam, wie er versprach. Was er alles nicht gerne versprach??? Nein, er fuhr mit der neuen Flamme in Urlaub und schickte dem Kind nach Warschau ein Foto von sich selbst mit Adams Spielsachen (auf dem Foto) und ein Playmobil. Ich fragte mich, ob er noch alle Tassen im Schrank hatte??? Sollte ich dem Adam das Foto zum Geburtstag schenken? Gerd steckte nur den Kopf in den Sand, wie so oft, und erzählte allen von meinem Telefonterror… Na, ja… Auch etwas übertrieben, denn ich war immerhin den ganzen Tag berufstätig und nachts am Schlafen. Und wenn man einen nicht erreicht, dann ruft man halt ja wieder an. Als Gerds neue Herzensdame nicht da war, sprach Gerd jedoch am Handy mit mir und traf sich sogar mal mit uns als ich in Deutschland war. Ich habe Fotos. Denn mir glaubt hier keiner was! Sonst blieb sein Handy aus, solange die neue Freundin bei ihm war. Er hatte ein neues Geheimnis vor der neuen Frau seines Lebens… Für alle Fälle hat er (wohl auf ihr Drängen) die Telefonnummer zu Hause und das Schloss gewechselt. Denn ich hatte noch den Schlüssel für die Wohnung, die wir gemeinsam gemietet haben und wo ich noch im Mietvertrag stand. Warum bin ich eigentlich ausgezogen? Und nicht er? Warum musste ich wieder in der Fremde alles von vorne anfangen, mir mit 34 ein Studentenzimmer suchen, dann schwanger umziehen, allein mit Kind neu einrichten, und so weiter? Alles nur, weil er kein Kind zeugen konnte und mich mit meinem Kind nicht wollte. Meine Sachen blieben teilweise in seiner Wohnung, denn wir waren (bis Renade kam) noch gute Freunde, ich konnte sie aber dann nicht mehr holen. Die hat er mir, mehr oder weniger, nachgeschmissen, manches einfach weggeworfen. Zum Beispiel meine Pflanzen, die ich wie Kinder großgezogen habe. Was ihm gefiel, behielt er jedoch. Die Kochbücher auf Deutsch, die hat er behalten, auch wenn ich sie gekauft habe.Die konnte er auch noch brauchen, Renade auch.
Was auf Polnisch war, brauchte er nicht. Das durfte ich mitnehmen. Die lieferte er einfach an meine neue Wohnungsadresse an die Untermieterin. Ich durfte nicht wählen, was mir gehört. Er wusste Bescheid, wie man so was aufteilt. Zumal ich ja ein Fünftel davon verdient habe, was er als Pension bekam. Also stand mir eigentlich nichts zu. Gerds alter Freund Kurt, den ich nie leiden konnte, sollte behilflich sein, mich aus meinem früheren Zuhause rauszuwerfen. Ich war so im Stress und kam nach K. für 2 Wochen Ferien, nach den ersten Monaten in der Amerikanischen Schule. Die neue Stelle war eine Herausforderung, Deutsch, Polnisch, Englisch und der Unterricht mit pubertierenden Jugendlichen. Die Arbeit überforderte mich sprachlich (auf Englisch) und emotional, da man sich dort an Vieles anpassen musste und ein kleines Kind alleinerziehend zu Hause hatte. Eine private Schule für Diplomatenkinder und Millionärskinder hat einen eigenen Charakter und man kann als Lehrer jedem Kind eigentliche nur für alles „Danke!“ sagen. Auch die Direktorin behandelte die polnischen Lehrer und Angestellte wie Lehrer oder Menschen zweiter Kategorie. Und man sollte am besten kein Polnisch sondern nur Englisch in den Pausen benutzen, meinte meine Kollegin, damit sich keiner hier aufregt.Wir haben dennoch auch Polnisch gesprochen.
Gerd rief mich an und verlangte, dass ich sofort an dem Tag kommen muss und alle Sachen von ihm holen, sonst schmeißt er sie weg. Der Termin passte mir nicht, aber dem Kurt. Also musste ich auf die Karthause hoch. Ich suchte meine Fotos, Pflanzen und Sachen, die ich nach der Scheidung nicht mitgenommen habe, da ich immer noch in der gemeinsamen Wohnung zu Hause war. Kurt nannte das: Hausfriedensbruch! Nimm das Bild, rief er Gerd zu, als ich es zuerst nicht mitnehmen wollte. Dann wollte ich das Bild aber doch, dem Kurt zum Trotz. Das haben wir gemeinsam in Warschau gekauft. Später wollte Gerd das Bild zurück, denn er hat es schließlich bezahlt! Warum er aber in Warschau war, wusste er nicht mehr… Dafür fühlte er sich besser, mir zu sagen, dass ich aus den Slams von Warschau kam, ja – so wie 90% aller Warschauer. In Warschau gab es nach dem zweiten Weltkrieg fast nur solche Wohnblocks. Wer hat Warschau abgebrannt und zerstört? Er doch nicht! Die Definition des Über-, und des Untermenschen war im Rheinland wohl noch ziemlich lebendig. Ich sollte diese freundliche Hilfe von Kurt in Anspruch nehmen, falls ich einen Teil meiner Privatsachen mitnehmen wollte. Ich rief aber ein Taxi und verpasste Gerd zum Abschied eine Ohrfeige für all die Jahre, die ich kurz davor – moralisch – von Kurt und Gerd doppelt bekam. Zwischen Tür und Angel steckte mir Gerd noch Geld für das Taxi zu. Am nächsten Tag sagte er (mit Tränen in den Augen) zu mir im Cafe, Kurt hätte etwas übertrieben… Ach. Das hat er dem Kurt bestimmt nicht erklärt. Gerd war ein friedvoller Mensch und benahm sich am liebsten wie die drei Affen: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Besonders zu seinen Freunden und Bekannten. Auch Kurt erkannte mich danach nicht mehr in der Stadt K. Er lief an mir vorbei, als ob ich nicht da wäre. Dabei musste ich Jahre lang mit diesem Ekelpaket an Wocheneden und Geburtstagen feiern. Er erklärte mir mit Leidenschaft, was Buchweizen ist, und lobte Gerds Intelligenz! Er war wohl der Einzige, der im Vergleich mit sich selbst, diese Intelligenz bewundern konnte. Mit ihm habe ich sogar den schlimmsten Silvester meines Lebens, bei mir zu Hause vor dem Fernseher verbringen dürfen, als er und seine Frau eine Trennungsphase wieder mal hatten… Sie hatte nicht so viel Glück wie ich und musste danach alle Silvester mit ihm feiern. Die beiden hatten keine Kinder. Ich glaube, Sigrun litt wohl auch darunter. Sie überspielte es mit einer etwas in jeder Hinsicht ausgefallener Art, sich zu schminken, sich zu kleiden, sich zu geben. Aus der ersten Ehe hatte Kurt keine Kinder. Dafür hatten beide sehr viel Geld und Selbstbewusstsein!
Es tat weh. Ich habe in Gerd nicht nur den Menschen verloren, dem ich mal vertraut habe. Er stand mir nicht mehr als Ehemann nahe, doch als Freund oder Vaterfigur, die er schon immer teilweise war, und als „Opa“ meines Sohnes, in der Stadt wo wir niemanden sonst hatten. Wer meinen despotischen Vater und mein chaotisches Elternhaus wirklich kannte, würde vielleicht verstehen, warum ich mich mit 23 Jahren in eine Vaterfigur verliebt habe. Er war schon nett, augeglichen und regte sich fast nie auf. Ich liebte seine Ruhe und Gelassenheit. Ich staunte oft über seine Ängstlichkeit. Gerd ließ sich selbst von Adam „Opa“ nennen. Macht man mit einem „Enkelkind“ einfach mal Schluss, weil die neue Freundin den Hausdrachen spielt??? Was für ein Scheißmärchen, muss ich im Nachhinein sagen. Und ich habe bei Gerd mein Zuhause mit dem schönen Blick auf die Eifel verloren. Den Balkon, auf dem ich Blumen pflanzte und im Sommer gemütlich saß. Möbel, Schränke, Gardinen, die ich auch ausgesucht, aufgebaut und aufgehängt habe. Gerd war kein Handwerker und ich konnte damals vieles selbst. Wichtig war nur, dass er das Meiste davon bezahlt hat, und ich also kein Recht auf gar nichts mehr hatte. Kurt spielte den Richter. Ich war Kurts Ansicht nach vor Jahren in Gerd’s erste Ehe eingebrochen! Und jetzt kam scheinbar die gerechte Strafe! Kurt war auch der erste, der mich damals 1990 für ein Flittchen hielt. Nun, dass ich damals mit 23 auch verheiratet war und im Gegensatz zu Gerd keine Lebenserfahrung hatte, wusste und ahnte unter den 60 – Jährigen niemand.
Gerd fügte hinzu, ich hätte doch bei ihm getrunken und gegessen! So was! Ich habe auch immer gearbeitet. Ich habe zu Hause sauber gemacht. Wir hatten nie eine Putzfrau. Von den üblichen Ferien abgesehen, und einer ca. 4 monatigen arbeitslosen Periode, in der ich eine neue Stelle als Deutschlehrerin gesucht und als Telefonistin kurze Zeit gejobbt habe. Gerd‘s neue Partnerin sollte bald auf meiner Matratze in meinem – so habe ich das früher (wohl einseitig) betrachtet – Ehebett, ruhen… Denn mehr als Ruhe zwischen den beiden erwartete ich eigentlich nicht…
Meinem Sohn hat der liebe Gerd einfach keine Tür aufgemacht, als das Kind den „Opa“ mal aus Warschau besuchen kam. Gerd verbrachte wahrscheinlich wieder Zeit mit seiner gescheiten Partnerin und ihrem Hund auf dem mit mir für unsere Wohnung gekauften Teppich, unter der neuen Telefonnummer für immer unerreichbar… Wir waren ja nur 10 Jahre zusammen (5 Jahre verheiratet)… und 14 Jahre sehr enge Freunde…, davon 4 Jahre lang auch mit meinem Sohn. Er ließ mich fallen wie eine heiße Kartoffel oder ein Stück Dreck. Das macht man hier wohl so, wenn einer plötzlich nicht in derselben Liga spielt, oder als bester Freund verstirbt. Dann ruft man die Ehefrau des besten Freundes einmal an, mal teilt sein Mitleid mit, und vergisst die verwitwete Frau des besten Freundes für immer. Gerd hat sich nach Günthers Tod nur einmal nach Adele erkundigt. Zumal sie ja allein mit einem Kind von 8 Jahren da stand. So was tut man sich als bester Freund des Kindesvaters doch nicht an!
Für ihn habe ich meine Jugend, meine Berufschancen und mein Zuhause, meine Familie und Freunde in Warschau verlassen. Er war der zweite Mann in meinem Leben, nach meiner ersten Ehe. Und ich darf als alleinerziehende Mutter Hartz 4 beziehen, denn ich habe ja außer Pädagogik, Geschichte, Politik, Philosophie, Psychologie, Soziologie, Literatur, Sprachwissenschaft und Fremdsprachen mit dem Abschluss Magistertitel – nichts Richtiges studiert, wie Gerd so sagte. Eine Fremdsprachenkorrespondentin mit zweisemestrigem, abgebrochenem Studium und 10 „festen“ Beziehungen bis zu ihrem 30. Lebensjahr (inklusive Abtreibung) führte er mir als das beste Beispiel für alles vor. Zu dem Zeitpunkt fühlte ich mich von ihm nicht verstanden. Heute weiß ich, dass er die Welt nicht verstand.
Dieser alte Mann, für den ich mein Leben aufgegeben habe, um zuzuschauen, wie er sein Bierchen vor dem Fernsehen schlürft und Silvester mit Kurt in meinem Wohnzimmer feiert, hat zum Schluss im Ernst gemeint, ich sollte dankbar sein, dass ich an seiner Seite diese sinnlose Existenz führen darf. Ja, ich war auch mal dumm und naiv, aber was kennt und weiß man mit 23, oder sogar mit 26? Welche Verantwortung haben die reiferen Menschen gegenüber den Jüngeren? Oft gar keine. Und damit meine ich nicht nur und ausschließlich die Männer, die den Kopf verlieren, wenn was anderes steht, sondern auch deren Ehefrauen. Oder wollte sie ihn loswerden? Sie kannte ihn doch. Jetzt, mit fast 46, kann ich das besser beurteilen. Ich hoffe, bald den „Besuch der alten Dame“ live auf der Bühne des Lebens in Koblenz persönlich zu erleben.
Im Mai 2012 sind wir uns mal in der Stadt begegnet. Der alte Mann, den ich sah, erinnerte mich an den Gerd, den ich mal kannte. Er hatte ein faltiges Gesicht und ist kränklich schlank geworden. Die Haare zu lang, die Kleidung geschmacklos. Ich begrüßte ihn. Er kam an den Tisch im Cafe, wo ich mit meinem Sohn saß. Ach, hallo! Was machst du so? Ich beziehe Hartz 4 und beschreibe mein Leben. Ja, habe ich gelesen, erhob er den Finger in der Geste einer freundlichen Drohung, diskutierte jedoch nicht über den Inhalt und stritt nichts ab. Ich sagte: kein Wort gelogen. Er fragte nicht, ob diese Sozialhilfe mir und meinem Kind zum Leben ausreicht. Was geht ihn das an? Er streichelte Adam über die Wange, als ob er immer noch mit diesem Kind was zu tun hätte. Man sieht sich ja gar nicht, sagte er. Ein Wunder wohl, wenn man mit einem den Kontakt abgebrochen hat! Und noch glücklich? fragte ich ironisch. Ach, jeden Morgen Magenprobleme… Krebs… Er geht zum Hautarzt. Man klagte gerne über das eigene Leid. Ich meinte, er sollte zum Frisör gehen. Er sah schrecklich aus. Was für ein Glück, dass wir nichts mehr miteinander zu tun haben!!!!! Adam sagte, er hat sich erschrocken, als er ihn sah. Und hofft, sich nicht mit Krebs angesteckt zu haben. Warum hat er uns die Hand gegeben, wenn er so krank ist, fragte das Kind? Ja, warum??? Kurz vor Weihnachten: Der Opa Gerd denkt immer noch an meinen nicht abgetriebenen Sohn und schickt 200,- Euro als Geschenk. Wie süß…. Nun können wir von Hartz 4 kaum die monatlichen Ausgaben finanzieren und die Nebenkosten für unsere Wohnung bezahlen. Wie viel kostet ein verpfuschtes Leben und ein totes Kind? Wie viel kostet seine neue Freiheit? 200,- Euro im Jahr? Warum überweist es nicht monatlich: das wären nämlich 16,66 Euro im Monat???? Nicht etwas lächerlich nach all dem?
Im Jahr 2016 begegnete ich in der Kirche zufällig einem früheren Bekannten von Gerd. Wir haben uns früher einige Male mit ihm und seiner Frau getroffen. Da erfuhr ich rein zufällig, dass Gerd seit 2 oder 3 Jahren nicht mehr lebt. Niemand hat mich informiert. Ich war schockiert, denn immerhin waren wir ca. 10 Jahre ein Paar, 5 davon verheiratet. Nicht mal eine Postkarte habe ich bekommen, dass mein Exmann tot ist. Ich wäre doch nicht zur Beerdigung gekommen, aber eine Info hätte ich in seinem Todesfall schon erwartet. Ich und Gerd haben uns eigentlich und trotz allem immer geliebt… Eine tragische und sinnlose Verbindung zweier unreifer „Verrückter“…


