Der Anrufbeantworter

 

Der Anrufbeantworter oder Godot ruft an.

Das Telefon klingelte unermüdlich. Ich wählte die Nummer immer wieder.

Eins, zwei, drei, vier…, beim siebten Klingelton sprach der automatische Anrufbeantworter mit seiner Stimme.

„Dirk Adelan … Ich bin zur Zeit nicht erreichbar…, Sie können nach dem Signalton eine Nachricht hinterlassen. Ich rufe Sie umgehend zurück. Vielen Dank“.

Das versprach er jedem. Jedem der geduldig die Klingelzeichen bis sieben zählte und sich die Ansage vom Tonband anhören wollte. Jeder durfte hoffen, konnte sich darauf freuen, von ihm zurückgerufen zu werden. Jeder Zeit. Manchmal rief er sogar mehrmals an. Oft sagte er dabei nichts. Und manchmal erzählte er viel. Von Frauen und Männern und ihren Körperteilen, und was sie damit anstellten. Wie es ihm gerade danach war.

Ich schaute jeden Morgen das rote Licht an, ob das Versprechen der automatisch abgespielten Stimme des Mannes, den ich hören wollte, eingelöst wurde. Meistens blinkte das rote Licht an meinem Anrufbeantworter nicht. Aber hin und wieder blinzelte es mit dem roten Auge und kündigte die frohe Nachricht an, dass er oder jemand anders angerufen hat.

Ich hörte ab. Acht neue Nachrichten. Ich spielte eine nach der anderen ab, gespannt auf deren Inhalt.

Jemand rief so oft an und sagte gar nichts. Kein Wort, keinen Satz. Man hörte nur das Rauschen, nur die Gedanken, denen man auf diese sehr stille Art und Weise nur teilweise folgen konnte.

Und dennoch glaubte ich, sie verstehen zu können. Die unausgesprochenen Worte, den stummen Schrei danach, wovor er flüchtete und wonach er suchte, indem er die Nummer wählte und nichts sagte, indem er Spuren hinterließ, die unerhört sichtbares Licht zum Blinken brachten. Ein Licht, das wie im Rhythmus des Herzens blinkte, bis ich die lautlosen Nachrichten abgehört und sie in ihrer Stille in meinen Gedanken und in meinem Herzen gespeichert habe.

Für immer.

Das Telefon klingelte unermüdlich. Ich wählte die Nummer immer wieder.

 

 

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