Der Schmetterling und die Schildkröte

Der Schmetterling und die Schildkröte

Auf einer Insel lebte einmal eine wunderschöne Schildkröte. Sie war anders als andere Tiere ihrer Art in dieser Gegend, denn sie war ganz schwarz und sah auch die Welt nur in schwarzen und grauen Farbtönen.

Wie sieht eine Schildkröte aus, fragt ihr? Sie ist innen ganz weich, lieb und warm und außen hart, rauh und kalt. Damit ihr zartes Inneres nicht verletzt wird, wird sie von einem dicken Panzer geschützt, so dass kaum jemand so richtig nah an sie herankommen kann.
Unsere Schildkröte hieß Aggi. Und da Aggi die Welt entweder in schwarz oder in grau sah, war er meistens ziemlich traurig und gelangweilt. Er konnte nicht richtig lachen und sich freuen. Er hatte auch keinen Spaß daran, mit anderen Schildkröten im Sand zu spielen oder mit ihnen zu schwimmen. Ihre spiele waren ihm zu banal und er mochte ihre Nähe nicht. Die meiste Zeit verbrachte er daher in seinem Panzer, in dem er sich vor der ganzen Welt versteckte, vor den schönen und den hässlichen Dingen, denen er begegnen könnte. Der Panzer war seine Welt und nur selten streckte er seinen Körper hinaus, um zu essen und sich wieder davon zu überzeugen, dass die Welt immer noch so langweilig und schwarz – grau war wie beim letzten Mal. Und da ihn das jedesmal noch wehmütiger machte, beschloss er, am Wochenende seinen Panzer gar nicht zu verlassen. Höchstens mal abends, wenn ihn sowieso niemand sehen konnte.
Da ging er manchmal zum Strand, saß im warmen grauen Sand und betrachtete allein das schwarze Meer. Seine einzigen Begleiter waren in solchen Augenblicken nur der Mond, die Sterne und die Palmen. Das gefiel ihm, da sie sich ihm gar nicht nähern konnten und immer die gleiche berechenbare Distanz behielten. Nur er entschied, wann und wie nahe er den Palmen kommen wollte. Es gefiel ihm, dass er sie „unter Kontrolle” hatte. Sie konnten nichts Falsches sagen, das ihn nicht interessiert hätte, sie konnten nichts Falsches tun, das ihn womöglich erschreckt oder enttäuscht hätte, sie konnten aber auch nichts Richtiges tun oder sagen, was ihn vielleicht glücklich gemacht hätte. Aggi fand es aber besser so, denn so wie er die Enttäuschung nicht ertragen konnte, so konnte er auch das Gefühl des Glücks nur mit Ewigkeitsgarantie akzeptieren, und da es eine solche Garantie nicht gab, beschloss er, allen und allem gegenüber gleichgültig zu bleiben, seine Gefühle zu verbergen, jede Enttäuschung zu vermeiden und auch keine Glücksaugenblicke zuzulassen, denn das, was nach ihnen kommen würde, doch immer enttäuschend sein müsste.
Aggi führte ein einsames Leben, weil er nur in der Einsamkeit zufrieden sein konnte. Da konnte keiner unter seinen Panzer sehen. Weich und warm konnte er wohl nur allein sein, da er meinte, dass es schwach ist, sich so zu zeigen, wie man unter dem Panzer ist. Vielleicht, weil er die Freunde von den Feinden oder die Stärke von der Schwäche nicht unterscheiden konnte?
Was machte er dann bloß immer so allein? Keine Ahnung. Vielleicht dachte er nach oder arbeitete am Computer, vielleicht lernte er Fremdsprachen oder lag einfach da, traurig oder froh, weil er so viel allein war? Keiner konnte unter seinen Panzer sehen und er selbst wollte es keinem verraten. Niemand sollte zu viel über ihn erfahren.
Eines Abends wollte Aggi wieder mal frische Luft schnappen, das schwarze Meer sehen und mit dem grauen Mond reden. Er ging zum Strand, saß dort eine Weile allein und erzählte den Sternen, was er so gemacht hat. Plötzlich bemerkte er einen schwarzen Punkt, der sich aus dem Nichts näherte und immer größer wurde. Ein Schmetterling flog auf ihn zu, setzte sich direkt vor Aggi und stellte sich vor. Es war Anna, ein schöner, bunter Schmetterling, dessen Flügel rot, gelb und blau waren. Sie konnte lachen und viele Farben der Welt sehen. Auch Aggi schien, diese Schönheit zu bemerken. Anna war vom ersten Augenblick an von Aggi sehr angetan, weil sie noch nie ein so faszinierendes und schönes Wesen gesehen hat.

Aggi erschrack ein wenig, als sie so unerwartet seine Ruhe störte. Sie sah für ihn aus wie ein schwarz – grauer Fleck auf dem grauen Sand. Er beobachtete sie mit Interesse, jedoch sehr vorsichtig und mit Misstrauen. „Wer weiß, was sie im Schilde führt…?”, dachte er. „Es ist besser, ich erzähle ihr, dass ich ein Krokodil bin.” Das tat er auch, aber sie wollte es nicht so richtig glauben, obwohl er ab und zu die Zähne zeigte. Sie unterhielten sich eine Weile und fanden sich wirklich sympathisch, auch wenn sie zunächst ganz anders zu sein schienen und auch die Welt in ganz anderen Farben sahen. Sie hatten trotzdem etwas gemeinsam. Was war das das bloß? Aggi wollte sich auch gar nicht richtig in seinen Panzer zurückziehen, vielleicht, weil er wirklich glaubte, ein Krokodil zu sein, oder weil er in diesem Augenblick tatsächlich eins war…?

Sie verabredeten sich für nächste Woche und trafen sich einige Male. Irgendwie mochten sie einander und verstanden sich immer besser, auch wenn sie in vielerlei Hinsicht ganz anders waren. Er erzählte manchmal Geschichten, die sie nicht so richtig glauben konnte und die sie manchmal verwirrten und beängstigten. Oft unterhielten sie sich und redeten aneinander vorbei, auch wenn sie das Gleiche dachten. Oder sie verzichteten auf etwas, was sie doch so gerne zusammen machen wollten… Die Gespräche waren auf jeden Fall sehr aufregend und spannend, vielleicht weil beide einen gewissen Sinn für Ironie hatten. Er wohl manchmal noch ein bisschen mehr als sie.
Anna wollte sich immer öfter mit Aggi treffen, da sie für ihn ziemlich den Kopf verloren hat. Sie war sehr oft am Strand und kam ihm immer näher. Sie berührte seinen Panzer, streichelte seinen warmen Körper und verliebte sich in die Schildkröte und in das Krokodil, das auch nicht gleichgültig blieb, jedoch immer wieder die Zähne zeigte. Je näher sie einander waren, desto gefährlicher wurde das Krokodil. Ihr aber machte das mit der Zeit immer weniger Angst. Sie wollte lieber von ihm gefressen werden als ihn gar nicht zu sehen.
Sie dachte und dachte an ihn und vergass zwischendurch die ganze Welt. Und sie vermisste ihn schrecklich.
Sie war aber doch ein Schmetterling, und dazu einer, der nicht ganz frei war. Was sollte das werden?
Aggi gefiel es einerseits nicht immer allein zu sein, andererseits nervte ihn dieser Kontakt etwas, da plötzlich nach Gefühlen gefragt wurde. Und die ließen sich nicht immer „unter Kontrolle” behalten und berechnen. Er fing an, Anna zu vermeiden und mit ihr zu spielen. Mal sagte er, er könnte nicht zum Strand kommen, weil er eine Blase am Fuß hatte, mal hatte er viel in seinem Panzer zu tun und musste drin bleiben. Heute nicht, es ist unpassend, am Montag… ja, es ginge, nein, er geht schwimmen… Er fragte sie, warum sie ständig ans Meer kommt und ihn „quält” , und was sie von ihm erwartet? Und dann fragte er, ob sie wieder kommt, und fügte in demselben Satz hinzu, dass er aber in den nächsten Wochen keine Zeit haben wird… Und dann wollte er wissen, ob sie ihn wieder anrufen wird…? Er konnte es nicht verbergen, dass er auch verliebt war. Warum war er dann so seltsam?
Anna konnte sein Verhalten nicht so richtig begreifen. Immer, wenn Aggi einen Schritt auf sie zuging, ging er gleich drei Schritte zurück. Und sie wusste keine genaue Antwort, warum sie ihn immer wieder am Strand suchte, außer: „Augenblick verweile, du bist schön…!” Sie folgte einfach einem Instinkt und ihren Gefühlen, weil sie wusste, dass solche Gefühle eine wunderbare Rarität sind, so wie schwarze Schildkröten oder Perlen im Sand… Für Anna war es zu früh nach einer Antwort zu suchen. Sie wollte einfach grundlos zärtlich sein, mit ihm sprechen, ihn ansehen, ihn hören, ihn küssen und streicheln und lieben. Aggi wollte nichts geben, aber warum konnte er auch nicht nehmen? Sie war so verschwenderisch großzügig…
Aggi mochte keine unsicheren Situationen. Aber was mochte er überhaupt? Den Mond, die Palmen am Strand oder nur sich selbst, und das auch nicht wirklich? Oder liebte er einen anderen Schmetterling oder eine andere Schildkröte, die er vermisste? Eine schwarze Schildkröte, die die Welt genauso schwarz sehen würde, wie er, wäre wahrscheinlich ein besserer Kamerad für ihn, dachte er möglicherweise. Aber wer weiß, was er dachte, oft wusste er das selbst nicht so richtig. Auf jeden Fall fand er Anna mal sehr sympathisch, mal lästig, mal war sie ihm nicht gleichgültig, mal war es ihm egal, ob sie einander sehen oder nicht, mal konnte man sich mit ihr sehr gut unterhalten, dann gab es plötzlich keine Themen mehr…, mal hat er es zugegeben, mal abgestritten, dass er sie mag… Wenn sie ihm in die Augen schaute, wusste sie oft, was wirklich und was erfunden war. Man lügt mit dem Mund, aber mit dem Maul, das man dabei macht, sagt man die Wahrheit. Anna achtete darauf, was ihr das Herz sagte… und irrte offenbar… nicht?
So vergingen einige Wochen und der Schmetterling konnte immer weniger verstehen und flog ziemlich verwirrt am Strand herum und fing selbst an, die Welt in schwarz – grauen Farben zu sehen. Es ging ihr nicht mehr gut. Sie fand sich selbst lächerlich. Ihre Versuche, den rauhen Panzer mit den Flügeln zu durchbrechen misslangen immer wieder. Ihr Verhalten war ihr oft peinlich, aber sie war wie verzaubert oder verliebt und konnte nicht anders.
Eines Tages trafen sie sich wieder und Anna konnte sogar seine Stimme hören, er war da, aber sie konnte ihn nicht mehr sehen. Aggi versteckte sich hinter einer selbstaufgebauten unsichtbaren Mauer, die ihn auch unsichtbar machte. Obwohl er zum Strand kam, wo sie sich öfter trafen, wollte er sich nicht sehen lassen. Er sagte, sie würde zu den Lebewesen gehören, auf deren Freundschaft er gut verzichten kann. Beide wussten, dass es nicht die Wahrheit war. Anna wurde sehr traurig als sie das hörte, sie war aber auch irgendwie erleichtert. Sie verlor viel Kraft, ihre Flügel waren schon ziemlich müde und sein Panzer fühlte sich gar nicht schön an. Man konnte sich leicht daran verletzen, wenn man keine Schildkröte war.
Aggi wollte sich mit ihr nicht mehr treffen, aber er sagte, dass die Insel klein sei…
Jeden Tag suchte sie nach ihm in der Nähe der Palmen. Sie wollte Aggi eine rosa – rote Brille schenken, damit er sieht, wie schön die Welt sein kann. Sie hätte ihn gern glücklich und fröhlich gemacht. Am Strand fand sie immer nur die Spuren seiner weichen Pfoten und seines Panzers und sie schrieb viele Briefe, die unter vielen anderen Briefen lagen. Auf der Insel gab es noch andere Schmetterlinge oder Schildkröten, die Briefe schrieben…
So verging die Zeit. Die Tage wurden wärmer und man konnte immer kürzer mit dem Mond und den Sternen sprechen. Anna konnte Aggi nicht vergessen und beschloss, ein neues Leben zu beginnen.
Eines Tages war sie für ihn frei und stand am Meer, ganz allein. Sie wartete lange, die Angst und Hoffnung begleiteten sie über Monate. Und jetzt? Er kam nicht, er sagte nichts, er verschwand für mehrere Wochen in den 4 Wänden seines Panzers und keiner wusste, was es bedeuten konnte.
Und als er sich wieder an das Tageslicht traute, versuchte er sie zu locken, um sie dann wieder wegzustoßen. Er drohte ihr etwas anzutun, und wollte sie zerstören… Und deshalb durften sie einander nie mehr sehen…
Anna war unendlich traurig, aber auch dankbar, denn sie war sicher, dass es Liebe war, wenn auch für eine Sekunde, eine Minute, eine Stunde, denn es war Liebe, wenn auch viel Missgeschick, in heißem Brei erstickt, es war Liebe für einen Augenblick.
Und seine Augen konnte sie noch lange nicht vergessen. Denn es war manchmal, wenn sich ihre Blicke trafen, als ob ihre Seelen in einer Extase durcheinander geflossen wären.534486_416328218409118_106619311_n

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