2012
Schön ist es auf der Welt zu sein…, denn hier „werden Sie geholfen…“
Sogar wenn man keine Stelle finden kann, und als Hartz-4-Empfänger(in) einer Behörde in die helfenden Hände fällt…
Man unterschreibt eine Eingliederungsvereinbarung, die man einhalten will, falls man überleben mag.
Man wird zu einem Bildungsträger geschickt, wo einem geholfen wird, zu begreifen, was man nicht kann, und warum man als Depp da sitzen muss, obwohl keiner damit wirklich rechnet, dass man eine Stelle findet. Der Arbeitsmarkt ist mit solchen Gestalten wie wir sowieso schon überfüllt…
Der Kursleiter freut sich, einen zu sehen, und nimmt auch jede Abwesenheit gern in Kauf, Hauptsache man bleibt angemeldet, denn so verdient auch er sein „täglich Brot…“
Als Neuer wird man nicht besonders begrüßt oder eingewiesen, was mit einem in diesem Pflichtkurs des Lebens passieren soll. Also nimmt man Platz, wo es einem gefällt.
Man darf sich einen USB-Stick holen. Man holt den falschen. Nein, nicht irgendeinen, heißt es dann, einen mit Ihrer persönlichen Nummer. Die steht auf der Liste. Aha: 108.
Den Stick steckt man als Neuer falsch rum, und wundert sich, dass nichts funktioniert. Nein, nein, mit dem Chip nach oben! Danke. 108.
Dann bekommt man ein Gute-Laune-Blatt, wer weiß warum und wofür??? Darauf erweitert man und wiederholt das Allgemeinwissen aus dem Bereich: Quizfragen Werbung & allgemein…
Wie heißt „die längste Praline der Welt…? Moment, wie war das noch????? Duplo, ruft jemand aus der hinteren Reihe… Wie peinlich, dass man das nicht auswendig im Kopf hatte… Nächste Frage:
9. Leibesübungen bei Burgbewohnern im Mittelalter???
16. Schmeckt doppelt doppelt gut?????
21. Der Schmutz geht, der Duft bleibt.
22. Ei ei ei … mh mh mh ????????????????
25. Hier werden Sie geholfen.
29. Nicht immer, aber immer öfter…
31. Unter welchem Namen ist Acetylsalicylsäure bekannt???????????
Davon gibt es 38 Punkte, die ich aus Zeitmangel nicht alle aufzählen will, und auch nicht mag…
Hat die DAA einen Werbevertrag????
Nun platzt 20 Minuten zu spät die eigentliche Kursleiterin für diesen Tag in den Klassenraum ein.
Sie schüttelt ihr blondes Haar, fühlt sich wie die Lorelei und erklärt, dass man in Koblenz am Rhein lange nach dem Parkplatz suchen muss… Ach. Das ist ja was Neues. Kein Problem, wir müssen alle sowieso dasitzen, ob sie kommt oder nicht…
Ohne die Leute zu kennen, kommandiert sie herum. Nennen Sie Ihre 5 Stärken, befiehlt sie mir höflich…
Nur 5??? Da wollte ich lieber in meiner Bescheidenheit gar nicht antworten und schob es der Schüchternheit in die Schuhe…, leise stotternd…, da mir das Wort Bescheidenheit entfiel und ich nur das englische Wort „modest“ im Kopf hatte… Ein Problem manchmal mit all den Sprachen, die man so zu den 5 Stärken zählen könnte. Gerade dann, wenn es darauf ankommt, spielen sie einem einen Streich.
Dann Herr W. Bitte: Warum unterschreiben wir den Lebenslauf???? Nein, Herr W., weil wir bestätigen, dass drin nur die reine Wahrheit steht! Am besten unterschreiben Sie mit blauer Tinte, Herr W.! Das ist psychologisch am erfolgreichsten!
Wer hat schon heutzutage noch einen Füller… (bedauernswerter Ton der Lorelei…).
Aha. Ich ganz bestimmt nicht.
Lorelei: Dann, fange ich bei Ihnen an, Frau, wie heißen Sie???? Frau X. Gut, also was haben wir denn da stehen… Eine Maßnahme. Was war das denn noch? Was haben Sie denn dort gemacht? Wurden Sie getreten, geschlagen? Oder was war das für eine Maßnahme? Sie müssen das schon erklären, Sie müssen sich in Ihr Gegenüber hineinversetzen… Die Kursleiterin erklärt halblaut, alle können jedoch das pädagogische Vorgehen mithören und beobachten.
Hallo, horche ich mit Interesse der Lorelei zu. Die junge Frau X. antwortet schüchtern, sie wurde in irgendwas ausgebildet… Aha, na dann schreiben Sie das doch darein! Der Arbeitgeber will das doch lesen???? Und schreiben Sie auch über Ihre Interessen. Was machen Sie denn gerne Frau X.??? Frau X. schweigt etwas eingeschüchtert, wie ich am Anfang auch. Na Sie müssen doch schon was darein schreiben: Lesen, Spazierengehen oder Kochen, nur chillen allein reicht doch nicht. Da müssen Sie sich schon was einfallen lassen. Denken Sie mal nach.
Gut, dann helfe ich jetzt Ihnen Herr. M. Wer hat Ihnen diese Striche da im Anschreiben gemacht??? Damit komme ich nicht weiter… Die Wifa, sagte der Beschuldigte. Ach, die Wifa, Mifa, oder wie auch immer, wir sind hier bei der DAA, können Sie nicht selber denken????
Man wird doch vom Jobcenter oder dem Arbeitsamt dahin geschickt, fügte ich dem Gedankenaustausch laut hinzu…
Auf einmal ist der Profi von der Wifa eine Niete bei der DAA, nur weil der Profi von der DAA sich nicht genug mit dem Textverarbeitungsprogramm auskennt…
Wer kann diese Striche da wegmachen, fragte die Lorelei, und jemand eilte zur Hilfe, drückte auf eine Taste und die Striche verschwanden. Aha. Na dann helfe ich jetzt hier weiter.
Herr B., ohh, können Sie Französisch? Herr B.: Etwas, ich hab schon mal was in Frankreich in der Kneipe bestellt…
Herr W., dem es im Alter von 19 Jahren langweilig wurde, seinen Lebenslauf ohne Hauptschulabschluss länger als eine halbe Stunde am PC zu bewundern, murmelte etwas zu seinem Nachbarn…: Montabaur, da fahre ich doch 2 Stunden hin… (von Koblenz aus!).
Halten Sie mal den Mund Herr W. – rief die Lorelei freundlich.
Kann ich etwas am Facebook mal schauen??? – rief jemand erfreut. Oh nein, antwortete sie streng, hier wird nicht gefacebooked (? Denglisch?) und nicht getwittert…. Sonst gehen Sie nach Hause.
Ich zu mir still: Das wollen wir doch alle, dachte ich….
Nun half die Lorelei eifrig weiter. Das Datum schreiben wir anders. Die Amerikaner machen es nicht so, aber wir leben hier in Deutschland! (In Gedanken muss sie ein „Gott sei Dank“ hinzugefügt haben.) Wenn Sie einen halbwegs deutsch klingenden Namen haben, brauchen Sie die Staatsangehörigkeit nicht zu schreiben. Herr Meier, warum schreiben Sie, dass Sie gute Deutschkenntnisse haben, sind Sie kein Deutscher??? Doch, doch… Also, dann wird man das ja schon voraussetzen…
Ich zu mir still: Aha… In Wort und Schrift ohne Hauptschulabschluss ist ja im Land der Dichter und Denker selbstverständlich zum Beispiel, ein Schriftsteller beinahe…
Ja, die Lorelei half dem Nächsten Opfer der Zielgruppe. Was sind Sie von Beruf!? Warum schreiben Sie das so??? Das schreibt man doch so nicht, schauen Sie doch mal im Duden nach!!!
Ich zu mir still: Wohl wieder einer mit perfekten Deutschkenntnissen…, aber mit recht deutsch klingendem Namen…
Ich las die Angebote der Jobbörse, schrieb meine Bewerbungen und verbesserte den Lebenslauf… und horchte mit Neugier der Kursleiterin im Einsatz.
Lorelei: Das haben sie falsch, so kann man das nicht formulieren. Das hat aber der Kursleiter letzte Woche so verbessert…., wehrte sich das Opfer, dem geholfen wurde… Ach so…. (? :-/). Das Opfer druckte den Lebenslauf zum dritten Mal aus – … wenn die das ständig anders haben wollen…
Das drucken Sie jetzt bitte in Rosa auf blauem Hintergrund aus, Herr Y., ließ sich die Lorelei einfallen.
Wo ist die Toilette, fragte ein Neuer, Frau Lorelei??? Woher soll ich das wissen Herr Y.? Haben Sie 4 Stunden eingehalten? Nö… Geradeaus und dann links…, rief ein Alteingesessener…
Ich schrieb und las, und verbesserte…
Um mich herum hörte ich die selbstherrliche Stimme der Lorelei, die die Leute beim Helfen veräppelte, sie zu Deppen machte und sich dabei recht witzig und wichtig vorkam… Dabei fühlte sie sich und spielte sich auf, wie jemand der für andere fast wie Mutter Theresa da ist – immer mit dem guten Rat dabei! Und alle bekamen mit, was derjenige, dem geholfen wurde, falsch gemacht hat, welchen Scheiß er in seinem Bewerbungsschreiben drin hatte, und warum er das nicht so dämmlich formulieren sollte…
Leider endete der Arbeitsvertrag…. Nein, Frau K., wir schreiben da nichts Negatives… Frau K. meinte womöglich, dass es eigentlich was Erfreuliches war…
Die Lorelei verbesserte andere ohne Respekt und Verständnis und verlangte von den Anwesenden, sich beim Bewerbungsschreiben in die Rolle des Gegenübers (des Arbeitgebers) zu versetzen, nur ihr allein, schien das nicht zu gelingen…, etwas mehr Mitgefühl und Verständnis für die Kursteilnehmer zu zeigen. Sie hörte sich gerne selbst laut reden und fand sich auch witzig und allwissend dabei.
Neben mir hat der 19-jährige Herr W. nach 4 Stunden und mit allerlei Hilfe ein Anschreiben fertig gemacht… und quatschte andauernd mit dem Pizzazusteller… Ich schätze: über sein Lieblingsgericht…
Andere Männer unterhielten sich über die Fußballergebnisse, DSDS und was es sonst noch so im Fernsehen gibt.
Die Geräuschkulisse und das grelle Licht der Neonlampen im Raum machte die Augen müde, das Lesen am PC-Bildschirm auch.
Um 12.00 Uhr ging ich als alleinerziehende Mutter (halbtags arbeitslos) nach Hause und war so müde wie lange nicht mehr. Eigentlich habe ich dort nur am PC gesessen, gehört, gelesen und geschrieben… Und war erschöpft und schlecht drauf.
Andere mussten dort noch bis 16.00 Uhr aushalten (Vollzeitarbeitslose). Die Kursleiter wollen schließlich auch Vollzeit arbeiten oder in Vollzeit ihr Geld verdienen…
Nächste Woche geht es weiter. Ich bin gespannt…
INFOTAFEL: Gelungenes Lernen = Freude an der Umsetzung des Erlernten = Gesteigerte Lebensqualität
(Ihre DAA)
Also ich war zum zweiten Mal da.
Bin extra früher gekommen, um einen der begehrten Parkplätze zu bekommen. Stand um Viertel vor Acht vor dem Klassenraum und war die Erste dort.
Kurz nach mir kam ein Ehepaar. Sein Bewerbungsschreiben wurde ungeöffnet an den Absender zurückgeschickt… Außerdem bekam er auch gleich nach 2 Tagen eine Absage…, da man sich schweren Herzens, wie man vermuten kann, für einen anderen Bewerber, mit den besten Wünschen für unsere arbeitslose Zukunft, entschieden hat…, trotzdem Alles Gute!
So war ich die Erste im Kursraum und setzte mich auf einen freien Platz am Tisch in der letzten Reihe. Auf einmal tauchte im Raum ein glückliches Ehepaar auf.
Ehemann: Hier sitzen ich und meine Frau! Dat sind unsere Plätze! Drohte mir eine Stimme.
Die Ehefrau setzte sich neben mich.
Oh, ich habe letztes Mal gefragt, ob es hier feste Plätze gibt, denn ich wollte von niemandem eine aufs Maul bekommen… Nun war es so weit…!
Wo steht es denn, dass es hier für Sie reserviert wurde?????
Wir sind verheiratet, und wir sitzen hier zusammen, GEH RUNNER! Wir haben hier schon drei Wochen gesessen, dann hättest du vom Anfang an kommen sollen!
Von welchem Anfang an???? Der Kurs ist wie der Fluss des Lebens, jeder darf theoretisch mal rein und bei viel Glück oder Unglück auch mal raus…
Schlagen Sie mich, dann säßen Sie woanders und ich auch! – sagte ich mutig.
Ehemann: Das habe ich nicht nötig…
Es gab jede Menge freie Plätze im Raum, auch zwei nebeneinander…, dennoch wollte ich den Krieg beenden, da das Männchen mich beeindruckt hat, wie er so für den besten Platz für sein Familienglück in der Maßnahme kämpfte… Nämlich ganz hinten, wo man auch mal was anderes als die Stellen bei der Jobbörse zwischendurch ungestört im Internet schauen konnte… Und es mischte sich schon ein Gentleman ein, der mich verteidigen wollte… Wie redet man da mit einer Frau??? Besser keinen Kampf verursachen…, dachte ich und stand auf, setzte mich auf einen Platz in der vorletzten Reihe nebenan, der auch nicht schlecht war, wie es sich erwiesen hatte, denn ich konnte interessante Bekanntschaften machen.
Die Dame hinter mir war neu, sie kam auch nicht vom Anfang an… Sie hatte noch nie am PC gearbeitet und kannte sich mit dem Gerät auch gar nicht aus. Hier schaltet man den Computer ein, erklärte die Kursleiterin freundlich…
Frau L. verkündete laut und deutlich, dass sie kein Interesse hätte, zu lernen, wie man diese Bestie bedient, denn das braucht sie jetzt mit Ende 50 nicht mehr. Der Sohn hat so was und die Enkelkinder auch… Aber sie hält nichts davon.
Gibt es eigentlich eine Verpflichtung seitens des Jobcenters, am PC schreiben müssen zu können, für jemanden, der mal in der Küche gearbeitet hat, seit 38 Jahren nicht berufstätig ist und einige Krankheiten hat, so dass er/sie gar nicht fürs Berufsleben geeignet ist…
Ich weiß nicht, was sie von mir wollen, sagte Frau L., ich bin fast 60, mein Knie ist kaputt, ich kann kaum laufen wegen der Osteoporose, alle Knochen tun mir weh, habe nur einen halben Magen…, Probleme im Unterleib… Das habe ich im Jobcenter gesagt, aber die meinten, die schicken wir mal jetzt dahin… Und zu Hause wartet ein Hund, der Gassi gehen muss, der kann doch keine 11 Stunden ausharren… Tja, vielleicht wird bald vom Gesetz her beschlossen, dass alle Hartz 4 Empfänger keine Haustiere halten dürfen… Einfach mal den einzigen und den besten Freund eines Arbeits- und Hoffnungslosen abschaffen… Oder soll man einen Hundesitter finden und bezahlen? Gibt es dafür schon das entsprechende Antragsformular oder soll das Sozialgericht eingeschaltet werden?
Die Frau hatte Unterlagen über 30% Behinderung dabei und auch die Hoffnung auf weitere 40% aufgrund eines anderen Schreibens. Nun werden heutzutage die Menschen mit Behinderung sogar bei der Arbeitssuche als Arbeitnehmer bevorzugt, so hat sich jemand im Jobcenter wohl gedacht: die Frau ist auf dem Arbeitsmarkt ein Knaller und das auch noch in Vollzeit!
So saß ich da, las die Stellenangebote, tippte meine Bewerbungen… und lauschte…
Hinter mir tippte Frau L. mit einem Finger einen Text am PC, denn es ist eine gute Übung für den Anfang…, sagte diesmal eine nette Kursleiterin mit Polnischkenntnissen als Muttersprache…
Oh Mann, wollen Sie die Änderungen speichern…, fragte Frau L. laut hinter mir und erschrak, dass nach einer halben Stunde alles Getippte am PC-Bildschirm ohne ihre Einwilligung plötzlich verschwand…
Ihr Nachbar war so nett, schaute rüber zu ihr, und meinte, dass es nicht so schlimm sei, denn es war ja sowieso nichts Wichtiges…
So fing sie wohl von vorne an…?
Pause.
Ich kam wieder fix und fertig nach Hause, das Licht dort quält die Augen und das Gehirn.
Jetzt, 2 Monate später, kann ich berichten, dass auch ich keine einzige Einladung zum Vorstellungsgespräch und nur Absagen auf meine Bewerbungsschreiben bekam (davon nur 3 von den ca. 15 abgeschickten Mappen) zurück. Wo sind sie geblieben??? Den Rest, ca. 10 Bewerbungen schickte ich per E-Mail.